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Gebackener Apfel-Bolster

Das Kochbuch der Philippine Welser · Augsburg / Tirol · 1543

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichMittelKorrekturBearbeitungsstand 7/10
Zubereitungszeit25 Min.Portionen2-4 PersonenBuchDas Kochbuch der Philippine Welser (~1543)

Wenn du einen Apfel-Bolster backen willst, nimm zwei Eier und ein wenig Wein. Mache daraus einen Teig, etwas dünner als ein Straubenteig, und bedecke die Äpfel gut damit.

Lege die vorbereiteten Äpfel schön schräg übereinander in die Pfanne und lasse sie schön langsam backen. Wenn du sie wenden willst, ziehe das Schmalz sauber ab. Lege dann einen Teller auf die Pfanne, wende sie und backe den Bolster auch auf der anderen Seite. Schütte das zuvor abgezogene, heiße Schmalz wieder darüber.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
2 ayr Eier 2 - -
ain wenig wein etwas Wein - - Apfelsaft oder Wasser
ain dayglin wie ain diner streybla dayg Teig (aus Mehl, Eiern und Wein) - Supermarkt (Mehl) -
die epfel Äpfel - - Feste, säuerliche Apfelsorten wie Boskoop oder Elstar
das schmaltz Schmalz - Supermarkt, Metzger Butterschmalz oder Pflanzenöl

Welches Gericht ist das?

In dünnen Teig getunkte Apfelscheiben, schräg geschichtet, in der Pfanne in Schmalz gebacken und mit Hilfe eines Tellers gewendet - strukturell nah an einer teigumhüllten Apfeltorte aus der Pfanne. Das Wende-Prinzip mit dem Teller erinnert an das Sturz-Prinzip der Tarte Tatin, ohne dass daraus eine Herleitung behauptet wird. Das Rezept ist der vierte und letzte Eintrag einer buchinternen Serie von vier ähnlichen Apfel-in-Teig-Gerichten - ein Hausbuch, das mehrere überlieferte Varianten derselben Grundidee nebeneinanderstellt.

Der Teig ist ein Tunkteig, kein Rollteig.

Der Vergleich „wie ein dünner Streybla-Teig“ meint den dünnflüssigen, gegossenen Ausbackteig für Spritzgebäck (Straube) - im Buch an sechs weiteren Stellen so verwendet. Gemeint ist ein Konsistenzmaßstab: der Teig soll etwas dünner sein als dieser Straubenteig. Die Apfelscheiben werden darin getunkt bzw. damit ummantelt (behedla), nicht in ausgerollte Teigstreifen gewickelt.

Praxis.

Zwei Eier mit etwas Wein und Mehl zu einem dünnflüssigen Rührteig verquirlen - dünner als ein klassischer Spritzkuchen-/Krapfenteig. Apfelscheiben darin wenden, schräg überlappend in heißem Schmalz in der Pfanne auslegen und bei niedriger Hitze langsam backen, bis die Teighülle goldgelb und fest ist; einen genauen Garzeitpunkt nennt der Text nicht, das entscheidet das Auge. Vor dem Wenden das heiße Schmalz vorsichtig abgießen und beiseitestellen, einen Teller auflegen, den Bolster stürzen und die zweite Seite ebenso backen. Danach das zurückbehaltene heiße Schmalz wieder darübergießen, um die zweite Seite nachzubraten bzw. zu glasieren.

Was ist ein „Apfel-Bolster“?

Ein Apfel-Bolster ist ein gebackenes Gericht, bei dem Apfelscheiben in einen Teig getunkt bzw. damit ummantelt werden, der etwas dünner ist als ein Straubenteig, und schichtweise in der Pfanne gebacken werden. Der Name „Bolster“ (Kissen, Rolle) deutet auf die Form oder die Art der Zubereitung hin.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Ja, gut geeignet. Die Zutaten sind robust und die Zubereitung in einer Pfanne über dem offenen Feuer ist gut umsetzbar. Das Wenden des Backwerks mit einem Teller ist eine erprobte Technik für die Lagerküche.

Welche Art von Äpfeln sollte ich verwenden?

Wähle feste, säuerliche Apfelsorten, die beim Backen ihre Form behalten und einen guten Kontrast zur Süße des Teigs bilden. Sorten wie Boskoop, Elstar oder Braeburn eignen sich gut.

Welche Art von Fett ist für dieses Rezept am besten?

Das Rezept nennt „Schmalz“, was tierisches Fett (z.B. Schweineschmalz) bedeutet. Für einen authentischen Geschmack ist dies die beste Wahl. Alternativ kannst du Butterschmalz oder ein hitzebeständiges Pflanzenöl verwenden.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Philippine Welser“ (Augsburg / Tirol). Hausbuch aus dem Augsburger Welser-Patriziat, benannt nach Philippine Welser (1527-1580), der späteren Gemahlin Erzherzog Ferdinands II. Geschrieben haben es drei Hände; Gerold Hayer hält es für wahrscheinlich, dass die Mutter Anna Welser der heiratsfähigen Tochter ein Buch mit Familien- und Hausrezepten mitgeben wollte. Ein Datum trägt die Handschrift nicht, das Wasserzeichen weist nach Augsburg 1543/44. Mit nur 41 Fleischgerichten unter 245 Rezepten (Zählung Gerold Hayers) ist die Sammlung beinahe eine Spezialsammlung für Fastenspeisen - und das älteste der vier Augsburger Kochbücher dieses Bestands, neun Jahre vor Sabina Welserin.

wilt du ain epfel bolster bachen so nim 2 ayr ain wenig wein mach ain dayglin wie ain diner streybla dayg vnd behedla die epfel wol dar mitt legs fein schregs vber ain anderen jn die pfanen las fein langsam bachen vnd wan du jn wilt vm keren so dau das schmaltz herab sauber vnd leg ain deller auff die pfanen vnd kerss vm vnd bachs an der andern seytten auch schitt das vorig schmaltz wider dar vber hayss
bolster

Der Begriff „Bolster“ bezeichnet primär ein Kissen oder eine Rolle - passend zur geschichteten Form des Gerichts. Das Wörterbuchnetz (MNWB) führt für „bolster/bulster“ daneben auch die Bedeutung „Fruchthülse, Schote, Hülle“, was ebenso zur Zubereitung passt: die Apfelscheiben werden in Teig gehüllt.

streybla dayg

„Streybla“ ist Diminutiv zu „Straube“ (Spritzgebäck aus dünnem, gegossenem Teig) und dient hier - wie an sechs weiteren Stellen des Buchs - als Vergleichsmaßstab für die Teigdicke, nicht als Anweisung zum Ausrollen: der Teig soll etwas dünner sein als ein Straubenteig.

behedla

„Behedla“ (behedlen) bedeutet „mit einer Hülle umgeben“ - die Äpfel werden mit dem Teig bedeckt bzw. umhüllt.

dau

Bezieht sich auf das Ablassen bzw. Abziehen des Fettes während des Backvorgangs.

deller

Ein Teller, der hier als Hilfsmittel zum Wenden des Backwerks in der Pfanne verwendet wird.

Handschrift
Das Kochbuch der Philippine Welser
Folio
Fol. 068r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch-augsburgisch, Nachträge mit tirolisch-bairischen Zügen, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg / Tirol, 1543

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

2 ayrchicken egg Q15260613
ain wenig weinwine Q282
die epfelapple Q89
das schmaltzanimal fat Q1423543

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartbehedla

Gewählte Lesart: „behedla“ (behedlen) wird als „bedecken/umhüllen“ gelesen - die Äpfel werden mit dem Teig behedla.

Andere mögliche Lesart:

  • Nicht mehr vertreten: die frühere Einstufung als unbelegter Hapax. - Ursprünglich als sehr unsichere Hapax-Lesart eingestuft; Hayers Glossar zu dieser Handschrift führt den Eintrag „behedla, behedlett (behedlen) mit einer Hülle (Haut) umgeben“ jedoch direkt - die Lesart ist damit gestützt, nicht nur kontextuell erschlossen.

Lesartdau

Gewählte Lesart: „dau“ wird im Sinne von „tun“ (tuon) gelesen, hier mit der Partikel „herab“ als „abtun/abziehen“ des Schmalzes vor dem Wenden.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine Herleitung aus „douwen“ (tauen/ziehen) ist lexikalisch ebenfalls denkbar. - Andere Stellen im Buch (mit der Partikel „dar an“) lesen „dau“ konsistent als reduzierte Form von „tun/geben“. Die konkrete Übersetzung folgt hier der Partikel „herab“ (abziehen) und bleibt praktisch gleich; die Herleitung wird an die im Buch etablierte Lesart angeglichen.

Lesartlas fein langsam bachen (Garzustand)

Gewählte Lesart: Der Text nennt keinen Garzustand oder Bräunungsgrad als Endpunkt, sondern überlässt Timing und Garprobe der Erfahrung des Kochenden.

Andere mögliche Lesart:

  • Ergänzung eines modernen Garkriteriums (goldgelb, fest) für die Praxis. - Das Transkript enthält keine Farb- oder Zeitangabe; die Ergänzung eines visuellen Garkriteriums ist eine freie, aber unproblematische Praxis-Hilfe, kein Textbefund.

Originalwerk (~1543) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 068r - Digitale Rekonstruktion: Originalschriftbild aus der Faksimile-Ausgabe (Edition Leipzig 1983), übertragen auf einen Hintergrund, der dem Originaleinband entspricht. Handschrift: Schloß Ambras bei Innsbruck, PA 1473 (Kunsthistorisches Museum Wien)
Transkription
Eigene Segmentierung der Faksimile-Ausgabe Edition Leipzig 1983 (Transkription Gerold Hayer) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/phw-134
LagerkücheLagerküche
Die Zutaten sind robust und die Zubereitung im Topf oder einer Pfanne über dem Feuer ist gut machbar. Das Wenden mit einem Teller erfordert etwas Geschick, ist aber eine klassische Lagerküchen-Technik.
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Stand dieser Fassung: 24.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.