Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen · Augsburg · 1554
Nimm den Hecht und siede ihn in Essig, wie man ihn sonst salzt. Lass ihn so lange sieden, bis sich die Schuppen lösen. Dann nimm ihn vom Feuer, zerreibe ihn in einem Reibscherben und treibe ihn durch ein kleines Sieb.
Gib zwei Schöpflöffel voll der sauren Brühe dazu, für einen Tisch. Nimm so viel starken Wein, dass der Fisch darin sieden kann. Gib Zucker, Ingwer und Safran dazu. Gib die vorgemeldete Brühe ebenfalls hinzu. Wenn du es anrichten willst, so gib geschälte Mandeln darauf.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| den hoͤcht | Hecht | - | Fischhändler | Welsfilet (für ähnliche Textur und weniger Gräten) |
| eſſig | Essig | - | - | - |
| der ſauren prie | Schöpflöffel saure Brühe | 2 | - | - |
| ain ſtarcken wein | Starker Wein | - | Supermarkt | - |
| zucker | Zucker | - | - | - |
| Imber | Ingwer | - | Supermarkt | - |
| ſaffron | Safran | - | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| geſchelt mandel | Geschälte Mandeln | - | Supermarkt (Backregal) | - |
Welches Gericht ist das? Ein Hecht wird in Essig weichgekocht, von Fleisch und Gräten befreit, zerrieben und durch ein feines Sieb passiert. Die entstandene Fischmasse wird mit ihrer eigenen sauren Kochbrühe und einem stark gewürzten Wein (Zucker, Ingwer, Safran) neu aufgekocht und mit geschälten Mandeln angerichtet - eher eine warme, passierte Fischcreme in Weißweinsauce als eine kalte Sülze. Der Korpus-Zwilling saw-168 trägt dieselbe Gattungsbezeichnung (‚Aingemacht fisch‘) und bestätigt, dass ‚eingemacht‘ hier eine Garmethode in einer Würzbrühe meint, keine Haltbarmachung. Eine entfernte, lose Analogie besteht zur Grundtechnik des Entgrätens und Passierens von Fisch, wie sie sich - über viele Zwischenschritte - bis zu modernen Traditionen passierter Fischspeisen erhalten hat; eine belegte direkte Traditionslinie lässt sich daraus nicht ableiten.
Woran erkennt man die Garheit? Der Essigsud wird so lange gekocht, bis sich die Schuppen vom Fisch lösen - das ist ein Gartest, keine feste Zeitangabe: löst sich die Schuppe, ist das Fleisch weich genug, um es im Reibscherben zu zerreiben. Ein Reibscherben ist ein raues Keramikgefäß nach Art eines Mörsers, ein Siblin ein feines Sieb. Beides zusammen ersetzt das mühsame Entgräten von Hand - beim grätenreichen Hecht ein erheblicher Vorteil.
Wie bindet die Sauce? Die durch das Sieb getriebene Fischmasse übernimmt selbst die Rolle des Bindemittels: sie dickt die gewürzte Weinsauce beim Neuaufkochen an, ohne dass ein zusätzliches Bindemittel nötig wäre. Die zwei Schöpflöffel saurer Brühe aus dem Kochsud machen die zerriebene Masse dabei streichfähig genug, um sie überhaupt durch ein feines Sieb zu treiben. Der Text nennt keine Reihenfolge, ob diese Brühe schon während des Durchtreibens oder erst danach dazukommt - für die Praxis ist die Zugabe nach dem Passieren der einfachere Weg.
Praxis. Hecht in Essig weichkochen, bis sich die Schuppen von selbst lösen (keine feste Zeit vorgeben - der Fisch zeigt die Garheit selbst an). Das Fleisch abzupfen, im Mörser zerreiben und durch ein feines Sieb streichen, dabei mit zwei Schöpflöffeln der sauren Kochbrühe glattrühren, bis die Masse streichfähig ist. Separat so viel kräftigen Wein erhitzen, dass der Fisch darin sieden könnte, mit Zucker, Ingwer und Safran würzen. Die passierte Fischmasse einrühren und kurz aufkochen, bis die Sauce bindet - ein zusätzliches Bindemittel braucht es nicht. Ein eigener Salzschritt steht im Text nicht zwingend (siehe Lesart-Alternative zu ‚wie sonnst saltz‘) - nach Geschmack salzen. Mit geschälten, gehobelten Mandeln bestreut servieren. Die im Text erwähnte Mengenformel ‚für einen Tisch‘ (siehe Lesart-Alternative zu ‚auf ain tisch‘) entspricht der hier für 4 Personen kalkulierten Menge.
Eingeschränkt (Kühlung/Aufwand): Frischer Hecht benötigt eine Kühlkette, was im Lager eine Herausforderung sein kann. Das Zerreiben und Passieren des Fisches ist zudem recht aufwendig und erfordert geeignetes Werkzeug wie einen Mörser oder ein feines Sieb, was die Zubereitungszeit verlängert.
Ein ‚Reibscherben‘ war ein raues Keramikgefäß zum Zerreiben von Zutaten, ähnlich einer Reibe. Ein ‚Siblin‘ ist ein kleines Sieb zum Passieren. Für die moderne Küche kannst du stattdessen eine Küchenreibe oder einen Mörser und ein feines Küchensieb verwenden.
Das Wort ‚prie‘ (auch ‚brie‘ geschrieben) bezeichnet hier die safrangelbe Würzbrühe des eingemachten Fischs - die saure Kochbrühe, die dem passierten Fisch und später der Weinsauce zugesetzt wird. Der Korpus-Zwilling saw-168 (Sabina Welserin, Augsburg 1553) verwendet dasselbe Wort im selben Sinn (‚... jn ein gelbenn brie‘) und bestätigt diese Lesart unabhängig von einem Wörterbucheintrag.
Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Maria Stenglerin“. Kochbuch mit Besitzvermerk „Das Kochbuoch Gehört der Junckfraw Maria Stenglerin zu. 1554." Die Originalhandschrift gilt als unauffindbar - weder Thomas Glonings eigene Bibliographie (germcook.pdf) noch der Handschriftencensus noch Wikidata nennen eine Bibliothek oder Signatur, obwohl Glonings Liste bei anderen Handschriften-Kochbüchern die Signatur durchgängig mitführt. Verfügbar ist nur ein 1886 gedruckter Neudruck (Augsburg: Gebr. Reichel, 20 Bl., Fraktur-Neusatz mit Faksimile-Titelblatt der Besitzinschrift), digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek. Medium ist deshalb als "druck" gesetzt - Eigenschaft des tatsächlich erhaltenen Exemplars, nicht des verlorenen Originals. Ein Jahr vor Sabina Welserins Kochbuch (saw-*, ebenfalls Augsburg, Handschrift dort bekannt: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4° Cod 137) entstanden - starker Twin-Kandidat fürs Review. Eine weitere, grundsätzliche Unsicherheit bleibt: Da die Handschrift verschollen ist, lässt sich bei ungeklärten Hapax-Wörtern (z.B. mst-136 "Fiſchpersperlin", mst-137 "ſechdiſtel") nicht mehr feststellen, ob ein Fehler schon in der Handschrift selbst stand, beim Lesen durch den Herausgeber 1886 entstand oder beim Neusatz - anders als bei reinen OCR-Fehlern lässt sich das nicht gegen ein Referenzbild prüfen. Lesungen bei unbelegten Hapax sollten deshalb als Konjektur markiert bleiben, nicht stillschweigend geglättet werden.
‚Eingemacht‘ bezeichnet hier keine Konservierung, sondern eine Garmethode: der Fisch wird in einer leicht gewürzten Brühe zubereitet und serviert. Der Korpus-Zwilling saw-168 (‚Aingemacht fisch‘, Sabina Welserin, Augsburg 1553) bestätigt diese Lesart direkt: ‚also mag man yeden fisch einmachen jn ein gelbenn brie‘.
Ein ‚Reibscherben‘ war ein raues Keramikgefäß oder eine Schale mit einer geriffelten Oberfläche, die zum Zerreiben von Zutaten wie Fisch, Brot oder Nüssen diente, ähnlich einer Reibe oder einem Mörser. Der Begriff ist als eigenständiges frühneuhochdeutsches Küchengerätewort belegt (Grimm/DWB, Frühneuhochdeutsches Wörterbuch), auch im Korpus-Zwilling mst-039 verwendet - keine Verschreibung für ‚Reibschale‘.
Ein ‚Siblin‘ ist ein kleines Sieb, das zum Passieren von Flüssigkeiten oder feinen Pürees verwendet wurde, um eine glatte Konsistenz zu erzielen.
‚Imber‘ ist die frühneuhochdeutsche Bezeichnung für Ingwer. In einigen Kontexten kann es auch für Rosinen stehen, hier ist jedoch Ingwer als Gewürz wahrscheinlicher.
‚Schiepe‘ bezeichnet die Fischschuppen (DWB: ‚schiepe ... squama, Nebenform zu mhd. schuope, nhd. schuppe‘). Das Lösen der Schuppen beim Sieden zeigt an, dass der Fisch weich genug zum Zerreiben ist - ein werkzeugloser Gartest, keine Zeitangabe. Auch im Korpus-Zwilling saw-168 im selben Zusammenhang belegt (‚Nim fisch, schiep ...‘).
‚Prie‘ (auch ‚brie‘) bezeichnet die safrangelbe Würzbrühe des eingemachten Fischs. Der Korpus-Zwilling saw-168 (Sabina Welserin, Augsburg 1553, ein Jahr älter, gleiches Milieu) verwendet ‚brie‘ wörtlich in genau diesem Sinn (‚... jn ein gelbenn brie‘) und bestätigt damit die Brühe-Lesart unabhängig von einem Wörterbucheintrag.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| den hoͤcht | northern pike Q83363026 |
| eſſig | vinegar Q41354 |
| der ſauren prie | stock Q3075310 |
| zucker | unrefined cane sugar Q57656231 |
| Imber | ginger Q15046077 |
| ſaffron | saffron Q25434 |
| geſchelt mandel | almond Q184357 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
auf ain tisch
Gewählte Lesart: ‚Auf ain tisch‘ wird hier als buchinterne Portions-/Mengenformel gelesen (‚für einen Tisch [Gäste]‘) - dieselbe Formel erscheint in mst-013, mst-028, mst-030 und mst-038 jeweils zur Mengenangabe eines Rezepts.
Andere mögliche Lesart:
Gewählte Lesart: Gelesen als Vergleich: der Hecht wird im Essigsud gesotten, ‚wie man ihn sonst [beim Salzen] behandelt‘ - ohne eigenen zusätzlichen Salzschritt in diesem Rezept.
Andere mögliche Lesart:
Reihenfolge der Brühe-Zugabe
Gewählte Lesart: Die saure Brühe wird nach dem Passieren durch das Siblin zugegeben - die im Text nahegelegte, einfachere Reihenfolge.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 15.09.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.