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Hühnerstücke im Backteig

Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen · Augsburg · 1554

GeflügelHauptspeise · GeflügelLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit20 Min.Portionen4-6 PersonenBuchDas Kochbuch der Maria Stenglerin (~1554)

Nimm Wasser und lass es aufkochen. Salze es und gieße es dann in Mehl. Lege sie aber zuvor in ein Wasser, das warm sei. Schlage es danach zu einem Teig, rühre ihn gut um, bis er fein glatt wird.

Das Schmalz soll heiß sein.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
Hienner Hühnerstücke - Metzger, Supermarkt -
ain waſſer Wasser - Leitung -
ſaltzs Salz - - -
ain mel Mehl - - -
ſchmaltz Schmalz - Supermarkt, Metzger Pflanzenöl

Welches Gericht ist das? Ein Wasser-Salz-Mehl-Teig, glattgerührt und in heißem Schmalz gebacken - der Fließtext nennt kein Geflügel noch einmal beim Namen, aber das Pronomen „die“ im zweiten Satz ist Plural und passt grammatisch zu keinem bisher genannten Wort außer den titelgebenden „Hienner“ (Hühnern). Naheliegendste Lesart: Hühnerstücke werden vorgewärmt, durch diesen Teig gezogen und frittiert - ein Backteig-Hühnergericht, kein reines Teiggebäck. Gesichert ist das nicht, löst aber den sonst unerklärten Titel-Inhalt-Widerspruch.

Was soll vorher ins warme Wasser? Der Text sagt nur „leg aber die zuvor in ein Wasser, das warm sei“. Grammatisch passt „die“ (Plural-Akkusativ) zu keinem Neutrum-Singular-Wort im Satz (weder Gefäß noch Mehl bräuchten „es“), wohl aber zu den Hühnerstücken aus dem Titel - die werden vor dem Backteig kurz angewärmt.

Wird das Wasser oder das Mehl gesalzen? Die gewählte Lesart salzt das Wasser, bevor es ins Mehl gegossen wird. Dafür spricht ein Muster im selben Rezept: weiter unten steht „ſchlags darnach in taig“ - „schlag's“ für „schlag es“. Dieselbe Verkürzung Verb+s für Verb+es liegt nahe auch bei „ſaltzs“ = „salz's“ = „salz es“, bezogen auf das zuvor genannte Wasser.

Praxis. Hühnerstücke (mundgerecht geschnitten) kurz in warmes Wasser legen. Wasser aufsetzen, salzen, sieden lassen und heiß in eine Schüssel Mehl gießen; sofort zu einem glatten, festen Teig verrühren. Die Hühnerstücke durch den Teig ziehen und portionsweise ins heiße Schmalz geben. Bei mittlerer Hitze goldbraun und durchgegart frittieren, damit die Kruste nicht verbrennt, bevor der Kern gar ist; eine Zeit- oder Temperaturangabe fehlt im Text, das bleibt dem Augenmaß überlassen. Kaltes oder laues Fett würde den Teig durchtränken statt ihn zu versiegeln, daher muss das Schmalz wirklich heiß sein, wie der Text es ausdrücklich verlangt.

Was bedeutet der Titel „Hienner Derum“?

„Hienner“ ist im Buch dreifach als Hühner belegt, „Derum“ dagegen ein echter Hapax ohne gesicherte Bedeutung. Der Fließtext nennt zwar kein Geflügel noch einmal beim Namen, aber das Wort „die“ im zweiten Satz ist ein Plural-Pronomen, das zu keinem Neutrum-Singular-Wort im bisherigen Text passt (weder Gefäß noch Mehl) - wohl aber zu den Hühnern aus dem Titel. Die naheliegendste Lesart: Hühnerstücke, im Titel genannt, werden vorgewärmt, durch den Wasser-Salz-Mehl-Teig gezogen und in heißem Schmalz gebacken.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Eingeschränkt geeignet. Die Zubereitung selbst ist einfach und schnell, benötigt nur Topf und Pfanne am Feuer - aber falls die Lesart mit Hühnerstücken zutrifft, braucht das rohe Fleisch eine echte Kühlkette und sollte frisch verarbeitet werden, nicht tagelang gelagert.

Was bedeutet die Anweisung „leg aber die zuvor in ein Wasser, das warm sei“?

Die Stelle ist grammatisch nicht eindeutig - was genau mit „die“ gemeint ist, sagt der Text nicht ausdrücklich. Naheliegend ist ein vorgewärmtes Gefäß mit dem Mehl. Küchenpraktisch nachvollziehbarer wäre, das Mehl selbst kurz in laues Wasser zu geben, damit es beim Übergießen mit dem kochenden Wasser gleichmäßiger quillt. Beide Lesarten bleiben Vermutung.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Maria Stenglerin“. Kochbuch mit Besitzvermerk „Das Kochbuoch Gehört der Junckfraw Maria Stenglerin zu. 1554." Die Originalhandschrift gilt als unauffindbar - weder Thomas Glonings eigene Bibliographie (germcook.pdf) noch der Handschriftencensus noch Wikidata nennen eine Bibliothek oder Signatur, obwohl Glonings Liste bei anderen Handschriften-Kochbüchern die Signatur durchgängig mitführt. Verfügbar ist nur ein 1886 gedruckter Neudruck (Augsburg: Gebr. Reichel, 20 Bl., Fraktur-Neusatz mit Faksimile-Titelblatt der Besitzinschrift), digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek. Medium ist deshalb als "druck" gesetzt - Eigenschaft des tatsächlich erhaltenen Exemplars, nicht des verlorenen Originals. Ein Jahr vor Sabina Welserins Kochbuch (saw-*, ebenfalls Augsburg, Handschrift dort bekannt: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4° Cod 137) entstanden - starker Twin-Kandidat fürs Review. Eine weitere, grundsätzliche Unsicherheit bleibt: Da die Handschrift verschollen ist, lässt sich bei ungeklärten Hapax-Wörtern (z.B. mst-136 "Fiſchpersperlin", mst-137 "ſechdiſtel") nicht mehr feststellen, ob ein Fehler schon in der Handschrift selbst stand, beim Lesen durch den Herausgeber 1886 entstand oder beim Neusatz - anders als bei reinen OCR-Fehlern lässt sich das nicht gegen ein Referenzbild prüfen. Lesungen bei unbelegten Hapax sollten deshalb als Konjektur markiert bleiben, nicht stillschweigend geglättet werden.

Hienner Derum zu machen. Item thu ain waſſer vber laß ſieden, vnd ſaltzs geus jn ain mel, leg aber die zuuor in ain waſſer, des warm ſey, ſchlags darnach in taig riere jun wol vmb, vnnd das er fein glat werdee, vnd daſs ſchmaltz ſoll haiß ſein.
Hienner

Hühner. Die Form ist im Buch dreifach belegt (mst-003, mst-043, mst-048); die Titelzeile setzt das H als verzierte Fraktur-Initiale.

Derum

Echter Korpus-Hapax - "Derum" kommt sonst nirgends im Bestand vor, auch nicht in std-029 (dort steht nur das unverwandte "Aber" mit der Bedeutung "wiederum"). Am ehesten eine Schreibvariante von "darum", das im Frühneuhochdeutschen sowohl räumlich ("herum, um etwas herum") als auch kausal ("deshalb") vorkommt - keine der beiden Lesarten ist hier gesichert.

Folget hernach wie mann Bachens Machen soll

Kapitelüberschrift für das Backwaren-Kapitel; mst-079 ist das erste Rezept darin, mst-080 (Welsche Strauben) das zweite.

Druck
Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen
Teil
Gebäck
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1554
Neudruck
1886 (Originalhandschrift verschollen)

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

Hiennerchicken meat Q864693
ain waſſerwater Q283
ſaltzstable salt Q11254
ain melflour Q36465
ſchmaltzanimal fat Q1423543

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartHienner Derum

Gewählte Lesart: „Hienner“ (Hühner) ist im Buch dreifach belegt (mst-003, mst-043, mst-048); „Derum“ ist ein echter Hapax ohne gesicherte Bedeutung. Der Fließtext nennt kein Geflügel noch einmal, aber das Pronomen „die“ im zweiten Satz („leg aber die zuuor in ain waſſer“) ist Plural-Akkusativ und passt grammatisch zu keinem im bisherigen Text genannten Wort (weder „Gefäß“ noch „Mehl“, beide Neutrum-Singular) - wohl aber zu „Hienner“ aus dem Titel. Die naheliegendste Lesart ist damit: Hühnerstücke, im Titel genannt und im Text nur noch per Pronomen aufgegriffen, werden vorgewärmt, durch den Wasser-Salz-Mehl-Teig gezogen und in heißem Schmalz gebacken - ein Backteig-Hühnergericht, kein reines Teiggebäck.

Andere mögliche Lesart:

  • Der Titel könnte sich auf ein benachbartes oder vorheriges Hühnerrezept beziehen und wäre dann versehentlich diesem Teig-Rezept vorangestellt worden, das ohne jede Geflügelzutat auskommt. - Reine Vermutung ohne Textbeleg; die Handschrift selbst gilt als verschollen, nur der Neudruck von 1886 überliefert den Text, sodass sich ein Abschreib- oder Satzfehler weder bestätigen noch ausschließen lässt. Erklärt zudem nicht, warum „die“ im Text grammatisch nur zu einem Plural passt.

Lesartleg aber die zuuor in ain waſſer, des warm ſey

Gewählte Lesart: „Die“ ist Plural-Akkusativ und passt grammatisch zu keinem bisher genannten Wort im Satz (Gefäß und Mehl sind beide Neutrum-Singular, würden „es“ verlangen). Es passt dagegen zu „Hienner“ aus dem Titel: Hühnerstücke werden vor dem Backteig zunächst in warmes Wasser gelegt, vermutlich um sie anzuwärmen oder vorzugaren.

Andere mögliche Lesart:

  • Ein Gefäß mit dem Mehl wird vor dem Anrühren des Teigs in warmes Wasser gestellt, um es zu temperieren - oder das Mehl selbst wird zuvor in laues Wasser gegeben, um es vorquellen zu lassen. - Küchenpraktisch nicht unplausibel, aber grammatisch schwächer begründet: „die“ passt nicht zu „Gefäß“ oder „Mehl“ (beide Neutrum-Singular, bräuchten „es“), sondern nur zu einem Plural- oder Femininum-Wort - im Satz selbst gibt es keins.

Lesartſaltzs geus jn ain mel

Gewählte Lesart: Die Anweisung wird als „salze es (das Wasser) und gieße es dann in das Mehl“ verstanden. Das Rezept verwendet weiter unten dieselbe Kurzform („ſchlags darnach in taig“ = „schlag es“) - das Muster Verb+s für Verb+es stützt die Lesart „ſaltzs“ = „salz es“, bezogen auf das Wasser.

Andere mögliche Lesart:

  • Es könnte auch bedeuten, das Mehl zu salzen und danach das Wasser hinzuzugießen. - Sprachlich nicht ausgeschlossen, aber schwächer begründet als die gewählte Lesart, da dasselbe Rezept an anderer Stelle das Verb+s-Muster für „Verb es“ verwendet.

LesartPortionierung und Menge des Teigs beim Frittieren

Gewählte Lesart: Kleine Teigportionen werden löffelweise ins heiße Schmalz gegeben, ähnlich wie bei Krapfen oder Küchle.

Andere mögliche Lesart:

  • Der Text macht keine Angabe zur Portionierung; auch im übrigen Buch findet sich kein Vergleichsrezept mit einer expliziten Formangabe für dieses Gericht. - Fehlende Textstelle - dem Augenmaß des Kochs überlassen, wie in vielen Rezepten dieser Zeit üblich.

LesartFrittierdauer und Garzustand

Gewählte Lesart: Der Teig wird bei mittlerer Hitze goldbraun und durchgegart frittiert, damit die Außenseite nicht verbrennt, bevor der Kern gar ist.

Andere mögliche Lesart:

  • Der Text nennt weder Dauer noch Farbe als Erkennungsmerkmal für den Garzustand. - Wie bei vielen Rezepten dieser Zeit blieb die Einschätzung dem Augenmaß des Kochs überlassen.

Originalwerk (~1554) gemeinfrei.

Bildquelle
Seite 025, München, Bayerische Staatsbibliothek, 4 Oecon. 207 h (bsb00076173) - CC BY-NC-SA 4.0 Quelle öffnen
Transkription
Bayerische Staatsbibliothek (MDZ), Digitalisat des Neudrucks 1886 - kein Bibliotheks-OCR vorhanden (api.digitale-sammlungen.de/ocr/bsb00076173 liefert 404), eigenes Kraken-OCR nötig Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Am Feuer in 20-30 Minuten fertig, aber die rohen Hühnerstücke (falls die Lesart zutrifft) brauchen eine echte Kühlkette und sollten frisch verarbeitet werden.
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Stand dieser Fassung: 15.09.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.