Das Kochbuch der Philippine Welser · Augsburg / Tirol · 1543
Nimm die Pfirsiche und schäle sie, dann entferne die Kerne. Schneide eine Quitte in zwei Teile.
Lass die Quittenteile sieden und gib sie dann zu den Pfirsichen. Füge Zucker, Zimt und frische Butter hinzu und lass alles eine Viertelstunde backen.
Nimm dann süßen Wein und Butter, gib es in ein Pfännchen und lass es zusammen sieden. Nimm diese Brühe und gieße sie auf die Torte.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| pfirsych | Pfirsiche | - | Supermarkt | - |
| ainer kitten | 1 Quitte | 1 Stück | Wochenmarkt, gut sortierter Supermarkt (saisonal) | Birne (feste Sorte wie Kochbirne) |
| zucker | Zucker | - | - | - |
| zimet | Zimt | - | - | - |
| ain frischen buder | Frische Butter | - | - | - |
| syesen wein | Süßer Wein | - | Supermarkt | Süßer Most oder Apfelwein |
| butter | Butter | - | - | - |
Welches Gericht ist das?
Eine gebackene Obsttorte aus Pfirsich und halbierter Quitte mit Zimt und Butter, die nach dem Backen mit einer separat gesiedeten Wein-Butter-Sauce übergossen wird. In heutigen Begriffen am ehesten eine offene Obsttarte, die nach dem Backen mit einem Sirup oder einer Weinreduktion getränkt wird - näher an einer rustikalen Wein-Tarte als an einer heutigen Sahnetorte.
Der Text nennt für die Backzeit von einer Viertelstunde weder Ofen noch Gefäß. In benachbarten Tortenrezepten dieses Buchs wird oft in einer Tortenpfanne mit Glut auf dem Deckel gebacken - das ist ein Analogieschluss aus dem Buchkontext, kein Beleg dieser Stelle selbst.
Wie lange und worin die Quittenhälften vor dem Zusammenfügen mit den Pfirsichen gesiedet werden, bleibt offen. Rohe Quitte ist hart und adstringierend und muss vorgegart werden, damit sie sich in der kurzen Backzeit mit dem weicheren, roh zugegebenen Pfirsich verbindet.
Ob die vorgegarten Quittenhälften vor dem Backen noch zerkleinert werden, sagt der Text ebenfalls nicht - die Halbierung könnte auch bis zum Anrichten bestehen bleiben.
Praxis.
Pfirsiche schälen und entkernen. Eine Quitte halbieren und in Wasser oder etwas von dem später verwendeten süßen Wein etwa 15 bis 20 Minuten köcheln, bis sie beginnt weich zu werden, dann in Stücke schneiden. Quitte und rohe Pfirsiche mit Zucker, Zimt und frischer Butter vermengen und im Backofen bei etwa 180 Grad in einer flachen Tarteform (näher am Original: in einer Tortenpfanne mit Deckel und Glut) etwa eine Viertelstunde backen. Getrennt süßen Wein mit Butter in einem kleinen Topf aufkochen und die heiße Sauce über die fertig gebackene Torte gießen.
Eingeschränkt geeignet. Torten wie diese brauchen eine kontrollierbare Backhitze, die am offenen Feuer schwerer zu steuern ist als Kochen oder Braten, und die frische Butter sowie die geschälten Pfirsiche wollen bis zur Verarbeitung gekühlt sein.
Quitten haben festes Fruchtfleisch und einen herben, aromatischen Geschmack. Aus heutiger Sicht ergibt das einen reizvollen Kontrast zur Süße der Pfirsiche und zusätzliche Textur - ob das auch die Absicht der Verfasserin war, sagt der Text selbst nicht.
Das Rezept verlangt ‚süßen Wein‘. Ein lieblicher Weißwein wie ein Muskateller, ein süßer Riesling oder ein Dessertwein wäre passend. Alternativ kann auch ein süßer Most oder Apfelwein verwendet werden.
Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Philippine Welser“ (Augsburg / Tirol). Hausbuch aus dem Augsburger Welser-Patriziat, benannt nach Philippine Welser (1527-1580), der späteren Gemahlin Erzherzog Ferdinands II. Geschrieben haben es drei Hände; Gerold Hayer hält es für wahrscheinlich, dass die Mutter Anna Welser der heiratsfähigen Tochter ein Buch mit Familien- und Hausrezepten mitgeben wollte. Ein Datum trägt die Handschrift nicht, das Wasserzeichen weist nach Augsburg 1543/44. Mit nur 41 Fleischgerichten unter 245 Rezepten (Zählung Gerold Hayers) ist die Sammlung beinahe eine Spezialsammlung für Fastenspeisen - und das älteste der vier Augsburger Kochbücher dieses Bestands, neun Jahre vor Sabina Welserin.
Eine ‚Dorte‘ oder ‚Torte‘ bezeichnete im Mittelalter und der frühen Neuzeit einen flachen, runden Kuchen oder eine Pastete, oft mit süßer oder herzhafter Füllung.
Hier sind die Kerne der Pfirsiche gemeint, die vor der Weiterverarbeitung entfernt werden.
Quitten sind kernobstähnliche Früchte, die roh meist sehr hart und herb sind und daher oft gekocht oder gebacken werden. Sie verleihen Gerichten eine besondere aromatische Note.
‚Buder‘ ist eine Schreibvariante für Butter. Die Bezeichnung ‚frisch‘ deutet auf ungesalzene, nicht geklärte Butter hin.
Eine Viertelstunde, also etwa 15 Minuten.
Ein Diminutiv von Pfanne, also ein kleines Pfännchen oder eine kleine Kasserolle.
Bedeutet ‚zusammen sieden‘ oder ‚miteinander kochen‘, um die Zutaten zu verbinden und zu erhitzen.
Im Kontext dieses Rezepts ist mit ‚Brühe‘ die aus Wein und Butter gesiedete Sauce gemeint, nicht eine Fleischbrühe.
Kontraktion aus ‚tuo es‘ beziehungsweise ‚tu's‘ im Sinn von ‚gib/tu es hinzu‘ - kommt dreimal im Rezept vor.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| pfirsych | peach Q13411121 |
| zucker | unrefined cane sugar Q57656231 |
| zimet | cinnamon Q28165 |
| ain frischen buder | butter Q34172 |
| butter | butter Q34172 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
buder
Gewählte Lesart: ‚Buder‘ wird als ‚Butter‘ übersetzt, insbesondere da es als ‚frisch‘ beschrieben wird.
Andere mögliche Lesart:
an ain ander syeden
Gewählte Lesart: Die Phrase wird als ‚zusammen sieden‘ oder ‚miteinander kochen‘ übersetzt, um die Zutaten der Sauce zu verbinden.
Andere mögliche Lesart:
daus / dus
Gewählte Lesart: Kontraktion aus ‚tuo es‘ beziehungsweise ‚tu's‘ im Sinn von ‚gib/tu es hinzu‘ - dreimal im Rezept ('las syeden daus dan jn die pfirsych', 'ain frischen buder daus dar ein', 'dus jn ain pfendlin').
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Stand dieser Fassung: 22.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.