Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897 · Wien, vermutlich Augustiner-Chorherrenstift St. Dorothea (Besitzvermerke 15. Jh. auf Bl. 1r, 15r, 28v, 54v, 91v) · 1450
Nimm rohe Eidechsen und entnimm ihnen das Fett. Daraus forme einen Docht. Zünde diesen Docht des Nachts an, sodass kein anderes Licht brennt als dieses eine. Wer dieses Licht erblickt, wird meinen, die Wände seien silbern.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| grun edechsen | Eidechsen (roh) | - | Nicht im Handel erhältlich, Artenschutz beachten | - |
| smalcz aus in | Eidechsenfett | - | Nicht im Handel erhältlich, Artenschutz beachten | Tierisches Fett (z.B. Schweineschmalz) oder Pflanzenöl |
| dacht | Docht | - | Bastelladen, Drogerie | - |
Was ist das? Kein Speiserezept, sondern eine Anleitung für einen illusionistischen Docht aus Eidechsenfett, dessen Licht die Wände silbern erscheinen lassen soll. Das Stück gehört zur Gattung der Wunderbüchlein und Geheimnisliteratur, wie sie neben Kochrezepten in Sammelhandschriften dieser Zeit überliefert wurde - eine kulinarische Nachfahrin hat es nicht, sein lebender Verwandter ist gattungsmäßig die heutige Zauberkunst-Anleitung.
Der B4-Zwilling. b4-151 überliefert dieselbe Anweisung nahezu wortgleich (‚Grunn Edekchsen‘ / ‚grun edechsen‘). Beide Fassungen stimmen auch in der Einordnung überein: kein Speiserezept, keine Lagerküchen-Eignung.
Warum das funktionieren soll. Der Text verlangt ausdrücklich, dass nachts kein anderes Licht brennt als dieses eine - eine einzige, isolierte Flamme im dunklen Raum entzieht dem Auge jeden Vergleichswert für die Wandfarbe. Das ist der einzige im Text selbst angelegte Mechanismus für den behaupteten Effekt.
Praxis. Nicht nachstellbar: Eidechsen stehen unter Artenschutz, eine Nachstellung ist rechtlich und ethisch ausgeschlossen. Auch unabhängig davon bleibt der Text an zwei Stellen offen, die hier nicht ausgefüllt werden - wie viele Tiere für einen brauchbaren Docht nötig wären, nennt er nicht, und einen faserigen Kern für den Docht, wie er sonst üblich ist, erwähnt er ebenfalls nicht. Ein Ersatzfett würde den behaupteten Effekt ohnehin nicht belegen, deshalb steht hier keine Rekonstruktion.
Nein. Es ist kein Kochrezept, sondern eine Anleitung für ein illusionistisches Licht. Die im Text genannten Tiere stehen heute unter Artenschutz; eine Nachstellung ist rechtlich und ethisch ausgeschlossen.
‚Edechsen‘ sind Eidechsen. Alle einheimischen Eidechsenarten stehen in Deutschland und der EU unter Artenschutz - sie zu fangen oder zu töten ist verboten.
Dieses Rezept stammt aus dem Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897 (Mitte 15. Jh. - Teil I). CoReMA-Handschrift W1 (Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897): dreiteilige Sammelhandschrift, Teil I (Kochrezepte, Bl. 1r-53v) aus der Mitte des 15. Jh., Teil III älter (Mitte 14. Jh.). Textlicher Zwilling von B4 (Berlin, Ms. germ. qu. 1187) - beide überliefern u.a. dasselbe "grün Met"-Rezeptpaar fast wortgleich.
Eidechsen. Im Mittelalter wurden Tiere oft für medizinische, alchemistische oder illusionistische Zwecke verwendet. Heute stehen Eidechsen unter Artenschutz und dürfen nicht gefangen oder getötet werden.
Schmalz, tierisches Fett. Hier speziell das Fett der Eidechsen, das für die Herstellung des Dochts benötigt wird.
Ein Docht, der als Brennstoffträger für eine Lampe oder Kerze dient. Hier wird er aus dem Eidechsenfett geformt.
Licht. Das Wort wird hier sowohl für die Lichtquelle selbst als auch für den visuellen Effekt verwendet, den es erzeugt.
Roh, unverarbeitet. Die Eidechsen sollen lebend oder frisch getötet verwendet werden, um das Fett zu entnehmen.
Silbern. Das Licht soll die Illusion erzeugen, dass die Wände silbern glänzen, ein magischer oder scherzhafter Effekt.
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Ein liecht
Gewählte Lesart: Die Überschrift ‚Ein liecht‘ wurde als ‚Ein magisches Licht‘ übersetzt, um den illusionistischen Charakter des Stücks hervorzuheben - der Text selbst behauptet einen Silbereffekt an den Wänden, keine gewöhnliche Lichtquelle.
wil wenn
Gewählte Lesart: Als bairisch-österreichische Form von ‚wähnen‘ (ohne Umlaut) gelesen: ‚wird meinen/fälschlich glauben‘. Wer das Licht sieht, wird irrig glauben, die Wände seien silbern.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 18.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.