Wo Mittelalter stattfyndet. Where medieval times happen.
Im Viewer öffnenIm Viewer öffnen ÜbersetzenTranslate DokumentDruckversion DokumentTEI-XML

Fleisch für den Sommer einlegen

Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897 · Wien, vermutlich Augustiner-Chorherrenstift St. Dorothea (Besitzvermerke 15. Jh. auf Bl. 1r, 15r, 28v, 54v, 91v) · 1450

LesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit60 Min.Portionen1 Fass (Langzeitlagerung)BuchWien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897 (~1450)

Über das Haltbarmachen von verschiedenerlei Fleisch. Willst du Fleisch haltbar machen von Sankt Martin bis zum Sommer?

Sei es Rindfleisch, Hammelfleisch oder Schweinefleisch, jedes sollst du gesondert legen. Das sollst du gründlich salzen und es niemals mit den Händen berühren. Dem Schweinefleisch sollst du die Füße bei den Knien abschlagen und ihm die Ohren abschlagen.

Wieviel du davon haltbar machen willst, soviel nimm davon und lass es drei Wochen ganz im Salz liegen. Nimm es nicht mit bloßen Händen. Und die Salzlake, die sich davon bildet, gieße in einen Kessel oder eine Pfanne und siede die Salzlake gründlich und schäume sie ab. So wird sie klar wie Wein.

Und nimm ein kleines Fass und gib die Füße hinein und die Ohren. Die Salzlake muss so viel sein, dass man es damit bedeckt, und verschließe es und lass es stehen und gehe nicht zu oft dazu.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
rinder oder kostrawun oder sweine Fleisch (Rind, Hammel oder Schwein) - Metzger -
salczen Salz - - -
fuess Schweinefüße - Metzger -
aren Schweineohren - Metzger -

Welches Gericht ist das? Kein Kochrezept, sondern eine Pökel- und Einlagerungsmethode: rohes Rind-, Hammel- oder Schweinefleisch wird trocken gesalzen, drei Wochen im Salz belassen, die dabei entstehende Salzlake gesondert aufgekocht und abgeschäumt, und bei Schweinefleisch werden Füße und Ohren gesondert in dieser geklärten Lake im Fass eingelagert. Ein naher lebender Verwandter ist das Pökelfleisch (Corned Beef, Surfleisch) im Allgemeinen; die eingelegten Schweinefüße und -ohren sind zudem das Rohmaterial, aus dem später Sülze entsteht - dieses Rezept führt aber nur bis zur Einlagerung, nicht bis zur fertigen Sülze.

Offen bleibt, was mit dem übrigen Fleisch geschieht. Der Text beschreibt ausdrücklich nur, dass Füße und Ohren am Ende in die geklärte Lake ins Fass kommen ('tu die fuezz dar Inn vnd die oren ... der Sulcz muess als uil sein das man es damit dekch'). Ob das Rind-, Hammel- oder das übrige Schweinefleisch ebenfalls in die Lake zurückkehrt oder stattdessen trocken im Salz weiterlagert, sagt der Text nicht. Diese Lücke lassen wir offen, statt sie mit einer eigenen Praxisentscheidung zu schließen.

Praxis. Was der Text konkret beschreibt, lässt sich unmittelbar umsetzen: drei Wochen trocken in reichlich Salz einlegen, dabei Handkontakt vermeiden (heute: Einweghandschuhe statt bloßer Hände), die abgetropfte Lake aufkochen, abschäumen bis klar, abkühlen lassen und - bei Schweinefleisch - Füße und Ohren darin vollständig bedeckt im verschlossenen Gefäß lagern. Modern lagert man dabei gekühlt statt im Kellerfass; am Grundverfahren des Trockenpökelns und Ablake-Klärens ändert das nichts.

Was bedeutet 'Sulcz' in diesem Rezept?

In diesem Rezept bezieht sich 'Sulcz' auf die Salzlake oder Pökellake, die zum Einlegen des Fleisches verwendet wird. Es ist nicht die fertige Sülze als Gericht, sondern die Flüssigkeit, in der das Fleisch konserviert wird.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Dies ist eine Methode zur langfristigen Haltbarmachung von Fleisch über Wochen oder Monate, nicht zur sofortigen Zubereitung am Feuer. Die Pökelzeit von drei Wochen und die anschließende Lagerung im Fass machen es ungeeignet für die direkte Zubereitung im Lager.

Was ist 'sand Mertteins tag'?

Der Martinstag am 11. November war im Mittelalter ein traditioneller Termin für die Schlachtung von Vieh und den Beginn der Vorratshaltung für den Winter. Das Rezept beschreibt die Konservierung des Fleisches von diesem Tag an bis zum Sommer.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897 (Mitte 15. Jh. - Teil I). CoReMA-Handschrift W1 (Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897): dreiteilige Sammelhandschrift, Teil I (Kochrezepte, Bl. 1r-53v) aus der Mitte des 15. Jh., Teil III älter (Mitte 14. Jh.). Textlicher Zwilling von B4 (Berlin, Ms. germ. qu. 1187) - beide überliefern u.a. dasselbe "grün Met"-Rezeptpaar fast wortgleich.

Von manigerlay vleisch WIlldu fleich behalten von sand merteins tag vncz auf den sumer es sey rinder oder kostrawun oder sweine ygleichs soltu legen besunder das soltu salczen schon vnd berur es nidter mit den henden dem swein soltu abslahen sein fuess bey dem chnie vnd dy aren ab wie vil du der behalten wild vnd lasz in dem salcz ligen iij wochen also gancz nym sy nicht in dy plossen hent vnd dy sulcz geus der von in ein kessel oder phann vnd seud dy sulcz schoun vnd schawum sy so wirt sy lautter als ein wein vnd nym ein klains vessel vnd tu dy fuess dorin vnd dy aren der sulcz mues als vil sein das man es do mit dekch vnd hull es zu vnd loss sten vnd ge nicht vil dor czu
sand merteins tag

Der Martinstag am 11. November war im Mittelalter ein wichtiger Termin im bäuerlichen Jahreslauf, oft der Tag der Schlachtung und des Beginns der Fastenzeit vor Weihnachten.

manigerlay

Die Berliner Parallelhandschrift (B4) überschreibt dieses Rezept mit 'Von Grunn fleisch' (rohes Fleisch); die Wiener Handschrift spricht stattdessen von 'mancherlei Fleisch' und betont die Aufzählung der Fleischsorten statt des rohen Zustands.

sumer

Der Sommer, hier als Endpunkt der Lagerung, da die warmen Temperaturen die Haltbarkeit ohne Kühlung stark einschränkten.

rinder

Rindfleisch.

kostrawun

Hammelfleisch, also das Fleisch eines kastrierten Schafbocks. Es war eine gängige Fleischsorte für die Vorratshaltung.

sweine

Schweinefleisch.

schon

Bedeutet hier ‚gründlich‘ oder ‚sorgfältig‘, nicht ‚schön‘ im ästhetischen Sinne.

berur

Berühren. Die Anweisung, das Fleisch nicht mit bloßen Händen zu berühren, sollte Schmutz- und Wärmeeintrag vermeiden, der die Salzlake hätte verderben können.

nidter

Niemals.

abslahen

Abschlagen oder abtrennen.

fuess bey dem chnie

Die Füße des Schweins, abgetrennt im Bereich der Knie. Diese Teile wurden oft separat gepökelt und verwertet.

aren ab

Die Berliner Parallelhandschrift verwendet für die Ohren ein eigenes Verb ('schneide ihm die Ohren ab'); die Wiener Handschrift führt Füße und Ohren mit demselben Verb ('abschlagen') zusammen.

sulcz

Bezeichnet hier die Salzlake oder Pökellake, die zum Einlegen des Fleisches verwendet wird, nicht die fertige Sülze als Gericht.

seud

Sieden, also kochen.

schawum sy

Abschäumen. Beim Kochen der Salzlake entstehender Schaum wird entfernt, um die Lake klarer und haltbarer zu machen.

lautter als ein wein

Klar wie Wein. Ein Qualitätsmerkmal für eine gut gereinigte und gekochte Salzlake.

vessel

Ein kleines Fass, das zur Lagerung des gepökelten Fleisches und der Salzlake dient.

hull es zu

Verschließe es. Das Fass muss luftdicht verschlossen werden, um das Fleisch vor Verderb zu schützen.

ge nicht vil dor czu

Gehe nicht zu oft dazu. Die Ruhe des Fasses ist wichtig für den Pökelprozess und die Haltbarkeit.

Handschrift
Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897
Folio
Fol. 027r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (bairisch-österreichisch)
Entstehung
Wien, vermutlich Augustiner-Chorherrenstift St. Dorothea (Besitzvermerke 15. Jh. auf Bl. 1r, 15r, 28v, 54v, 91v), 1450
CoReMA

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

rinder oder kostrawun oder sweinemeat Q10990
salczentable salt Q11254
fuesspig's trotters Q17118905
arenpig's ear Q2255814

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartsulcz

Gewählte Lesart: Salzlake oder Pökellake. Die Anweisungen 'dy sulcz geus der von in ein kessel oder phann vnd seud dy sulcz schoun vnd schawum sy' (gieße die Sulz davon in einen Kessel oder eine Pfanne und siede sie gründlich und schäume sie ab) beschreiben eindeutig die Verarbeitung einer Flüssigkeit, die aus dem Fleisch und Salz entsteht, und nicht ein bereits geliertes Gericht.

Andere mögliche Lesart:

  • Sülze/Aspik als fertiges Gericht. - Das Wort 'Sulcz' kann im Mittelhochdeutschen auch ein geliertes Gericht (Aspik) bezeichnen. Im Kontext der Zubereitung (Sieden, Abschäumen) ist dies hier jedoch nicht gemeint.

Originalwerk (~1450) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 027r, Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897; bereitgestellt durch CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages, Universität Graz
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), W1 (Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/w1-239
LagerkücheLagerküche
Kein Kochrezept für das Lager. Dies ist eine Methode zur langfristigen Haltbarmachung von Fleisch über Wochen oder Monate, nicht zur sofortigen Zubereitung am Feuer.
Alle Rezepte aus Wien, Österr. Nationalbibl., Cod. 2897 Alle Kochbücher

Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.

Stand dieser Fassung: 26.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.