Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen · Augsburg · 1554
Nimm die Rugatten und siede sie in Wasser. Salze sie wie gewohnt und lass einen guten Sud entstehen. Danach gieße die Brühe vollständig davon ab. Gieße einen guten Wein hinzu und gib Ingwer, gestoßene Zimtstangen, Pfeffer und Zucker dazu. Färbe den Sud gelb und lass ihn gut sieden.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| Rugatten | Rugatten (unbekannte Zutat, evtl. Quappe) | - | - | - |
| waſſer | Wasser | - | Leitung | - |
| ſaltz | Salz | - | - | - |
| wein | Wein | - | - | - |
| Imber | Ingwer | - | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| rerla | Zimtstangen, gestoßen | - | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| pfeffer | Pfeffer | - | - | - |
| zucker | Zucker | - | - | - |
Welches Gericht ist das? Ohne gesicherte Identifikation der Hauptzutat lässt sich kein modernes Gericht sicher benennen - klar ist nur das Verfahren: Die Zutat wird in Salzwasser vorgekocht, das Kochwasser vollständig abgegossen, danach in gutem Wein mit Ingwer, Zimt, Pfeffer und Zucker fertiggesotten und gelb gefärbt. Dieser Gewürzwein-Einmachsud ist im Buch ein wiederverwendetes Grundmuster, das auf derselben Buchseite auch für gepökelte Hühner (davor) und für Hecht (danach) verwendet wird - am ehesten vergleichbar mit einem heutigen Gewürzwein-Sud, wie er etwa bei Rotweinbirnen oder einem Glühwein-Kompott begegnet.
Die unbekannte Zutat. Der Titel nennt „Rugatten“. Ein direkter Wörterbuch- oder Korpusbeleg für dieses Wort fehlt, sicher ist die Lesart nicht - aber der naheliegendste Kandidat ist die Quappe (Aalraupe): Zwei andere Handschriften desselben Korpus (mon-264, std-099) schreiben genau diesen Fisch „Rutten“, und „Rugatten“ ließe sich als Verschreibung davon lesen, auch wenn zwei zusätzliche Buchstaben dabei offenbleiben. Das passt zur Stellung zwischen einem Geflügel- und einem Fischrezept mit identischem Einmach-Verfahren auf derselben Seite. Für den Nachkoch-Vorschlag unten wird deshalb von einem festen Süßwasserfisch ausgegangen. Das ist eine Arbeitsannahme, keine gesicherte Bestimmung - wer sie nicht teilt, kocht das Rezept besser gar nicht nach, als die Hauptzutat durch etwas ganz anderes zu ersetzen.
Das Abgießen des Suds. „Die prie sauber daruon thun“ meint hier nicht das Abschöpfen von Schaum, sondern das vollständige Abgießen des ersten, ungewürzten Kochwassers - derselbe Begriff („prie“/„Brie“) bezeichnet an anderer Stelle des Buchs eine fertige Wein-Sauce, hier also den zu verwerfenden Sud vor der eigentlichen Würzung.
Die Gelbfärbung. Welche Substanz für „gilbs“ verwendet wurde, nennt der Text nicht. Safran ist die naheliegendste historische Wahl und für die Praxis unten empfohlen, aber unbelegt - eine andere Farbquelle ist ebenso denkbar.
Praxis. Einen festen Süßwasserfisch (Quappe, ersatzweise Hecht) in Salzwasser gar ziehen lassen, das Kochwasser komplett abgießen. Mit einem guten, kräftigen Wein aufgießen, Ingwer, gestoßene Zimtstangen, Pfeffer, Zucker und eine kleine Prise Safran (vorher in etwas vom Wein aufgelöst) zugeben und offen weiterköcheln lassen, bis der Sud eingedickt ist. Warm oder ausgekühlt servieren; für längere Haltbarkeit heiß in ein sauberes Glas füllen.
Der Begriff ‚Rugatten' ist in historischen Kochbüchern nicht eindeutig belegt, seine genaue Bedeutung ist unbekannt. Ein Wörterbucheintrag zu ‚Rugatte' existiert zwar, bezeichnet dort aber eine Raupe (Rebschädling in Südtiroler Mundart) - als Speisezutat ausgeschlossen. Der naheliegendste Kandidat als Lebensmittel ist die Quappe (Aalraupe): Zwei andere Handschriften desselben Korpus (mon-264, std-099) nennen genau diesen Fisch ‚Rutten' - ‚Rugatten' könnte eine Verschreibung davon sein, auch wenn zwei Buchstaben dabei ungeklärt bleiben. Das passt zur Stellung zwischen einem Geflügel- und einem Fisch-Rezept mit demselben Einmach-Verfahren auf derselben Seite. Sicher ist die Lesart nicht.
Eingeschränkt (Aufwand). Die Zubereitung des würzigen Einlegesuds ist schnell und einfach am Feuer möglich. Die im Titel genannte Haltbarmachung setzt aber ein geeignetes Gefäß zum Einlegen und Lagern voraus, das der Text selbst nicht beschreibt - für ein Lagerwochenende ist das ein zusätzlicher Aufwand.
‚Rerla' bezeichnet gestoßene Zimtstangen, die typische Handelsform von Zimt im Mittelalter. ‚Gilbs' ist eine Anweisung, die Speise gelb zu färben; welche Substanz dafür verwendet wurde, nennt der Text nicht. Safran ist die naheliegendste, aber unbelegte moderne Annahme.
Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Maria Stenglerin“. Kochbuch mit Besitzvermerk „Das Kochbuoch Gehört der Junckfraw Maria Stenglerin zu. 1554." Die Originalhandschrift gilt als unauffindbar - weder Thomas Glonings eigene Bibliographie (germcook.pdf) noch der Handschriftencensus noch Wikidata nennen eine Bibliothek oder Signatur, obwohl Glonings Liste bei anderen Handschriften-Kochbüchern die Signatur durchgängig mitführt. Verfügbar ist nur ein 1886 gedruckter Neudruck (Augsburg: Gebr. Reichel, 20 Bl., Fraktur-Neusatz mit Faksimile-Titelblatt der Besitzinschrift), digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek. Medium ist deshalb als "druck" gesetzt - Eigenschaft des tatsächlich erhaltenen Exemplars, nicht des verlorenen Originals. Ein Jahr vor Sabina Welserins Kochbuch (saw-*, ebenfalls Augsburg, Handschrift dort bekannt: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4° Cod 137) entstanden - starker Twin-Kandidat fürs Review. Eine weitere, grundsätzliche Unsicherheit bleibt: Da die Handschrift verschollen ist, lässt sich bei ungeklärten Hapax-Wörtern (z.B. mst-136 "Fiſchpersperlin", mst-137 "ſechdiſtel") nicht mehr feststellen, ob ein Fehler schon in der Handschrift selbst stand, beim Lesen durch den Herausgeber 1886 entstand oder beim Neusatz - anders als bei reinen OCR-Fehlern lässt sich das nicht gegen ein Referenzbild prüfen. Lesungen bei unbelegten Hapax sollten deshalb als Konjektur markiert bleiben, nicht stillschweigend geglättet werden.
Als Speise unidentifiziert - kein Korpusbeleg, wie schon „wetichlen“ (mst-005). Ein Wörterbucheintrag zu „Rugatte“ existiert zwar (WdW, Wörterbuch der deutschen Winzersprache: Verweis auf „Rogate“), meint dort aber eine Raupe/einen Rebschädling in Südtiroler Mundart - als Lebensmittel ausgeschlossen. Naheliegendster Speisen-Kandidat ist die Quappe (Aalraupe): Zwei andere Handschriften desselben Korpus (mon-264, std-099) schreiben genau diesen Fisch „Rutten“ - „Rugatten“ ließe sich als Verschreibung davon lesen. Unbestätigt.
Im selben Buch bereits belegt (mst-040, mit Zwillingsbeleg saw-005/saw-007a) als gewürzte Wein-Sauce/Brühe, nicht als Schaum oder Unreinheiten. An dieser Stelle - vor der Wein- und Gewürzzugabe - bezeichnet „die prie sauber daruon thun“ das vollständige Abgießen des ersten Kochwassers.
Eine frühneuhochdeutsche Bezeichnung für ‚Röhrlein', hier im Sinne von Zimtstangen, der typischen Handelsform von Zimt - im Buch durchgehend gestoßen verarbeitet, außer bei der Aromatisierung von Getränken.
Eine Anweisung, die Speise gelb zu färben. Welche Substanz dafür verwendet wurde, nennt der Text nicht; Safran ist eine plausible, aber unbelegte moderne Annahme (vgl. FAQ).
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| waſſer | water Q283 |
| ſaltz | table salt Q11254 |
| wein | wine Q282 |
| Imber | ginger Q15046077 |
| rerla | cinnamon Q28165 |
| pfeffer | pepper Q3143131 |
| zucker | unrefined cane sugar Q57656231 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
Rugatten
Gewählte Lesart: Der Begriff ‚Rugatten' wird als die zu konservierende Hauptzutat interpretiert, deren genaue Art unbekannt bleibt.
Andere mögliche Lesart:
gilbs (Substanz zur Gelbfärbung)
Gewählte Lesart: Für die praktische Umsetzung wird Safran empfohlen (kleine Prise, vorher in etwas vom Wein aufgelöst).
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 15.09.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.