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Spritzküchlein aus dem Mörser

Das Kochbuch der Philippine Welser · Augsburg / Tirol · 1543

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit25 Min.Portionen4-6 PersonenBuchDas Kochbuch der Philippine Welser (~1543)

Gib ein wenig Wasser in eine Pfanne und Schmalz. Erhitze das Schmalz darin, sodass der Teig danach gut trocken wird. Gib den Teig danach in einen warmen Mörser und stoße die Eier nacheinander hinein, bis du denkst, dass der Teig richtig ist. Lege die Eier auch in warmes Wasser, bevor du sie in die Spritzen gibst. Backe sie sachte.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
ain wenig waser Wasser - - -
schmaltzs Schmalz - Metzger, gut sortierter Supermarkt Pflanzenöl
dayg Teig - - -
ayır Eier - - -

Welches Gericht ist das?

Ein durch eine Spritze geformtes Schmalzgebäck aus einer brandteigartigen Masse: Wasser und Schmalz werden in der Pfanne erhitzt, bis der Teig trocken wird, danach kommt er in einen warmen Mörser, in den nacheinander Eier eingearbeitet werden, bis die Konsistenz stimmt. Dieselbe Grundtechnik zeigt das Nachbarrezept Spritzegebäck in Ringform (phw-090). Die nächsten heutigen Verwandten sind Spritzkrapfen und Strauben, wie sie zu Fastnacht und Kirchweih in Bayern, Österreich und Südtirol gebacken werden.

Woher kommt das Mehl?

Das Rezept nennt kein Mehl, obwohl der Teig beim Erhitzen erst "trocken" werden soll - ein Vorgang, der Mehl voraussetzt. Die Nachbarrezepte phw-090 und phw-102 verwenden für denselben Trocknungsschritt dieselbe Wendung wie hier, phw-089 aus derselben kleinen Rezeptreihe nennt das Mehl dafür ausdrücklich. Die Mehlzugabe ist hier also stillschweigend vorausgesetzt, keine freie Ergänzung.

Warme Eier, warmer Mörser

Dass die Eier "auch in warmes Wasser" gelegt werden sollen, wirkt auf den ersten Blick wie ein überflüssiger Nachtrag - sie wurden im Satz zuvor doch schon eingeschlagen. Das eng verwandte Rezept phw-090 zeigt den vollständigen Ablauf: dort werden die Eier VOR dem Einschlagen in warmes Wasser gelegt, damit sie den warmen Teig beim Einarbeiten nicht abkühlen. Dieses Rezept fasst denselben Schritt nur knapper zusammen.

Praxis.

Wasser mit etwas Schmalz in der Pfanne erhitzen und unter Rühren mit Mehl zu einem trockenen, zusammenhängenden Teig einkochen (Brandteig-Prinzip). Den warmen Teig in einen ebenfalls vorgewärmten Mörser oder eine Schüssel geben und portionsweise vorgewärmte Eier einschlagen, bis eine spritzfähige, glatte Masse entsteht. Durch eine Spritze oder einen Spritzbeutel mit Tülle direkt in heißes Schmalz in derselben Pfanne drücken und bei mittlerer Hitze goldbraun ausbacken.

Was sind 'Spritzkuchen'?

Spritzkuchen sind eine Art Gebäck, das durch einen Spritzbeutel in Form gebracht und anschließend gebacken oder frittiert wird. Sie sind oft knusprig und können süß oder herzhaft sein.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, gut geeignet. Die Zubereitung ist relativ schnell und erfordert nur eine Pfanne und einen Mörser. Das Schmalz sollte gekühlt werden, wenn es nicht direkt verbraucht wird.

Was bedeutet 'dich' im Rezept?

"Dich" ist hier nicht das Adjektiv "dick", sondern das Pronomen in der unpersönlichen Wendung "dich dünkt" - wörtlich "es dünkt dich", also "es scheint dir" oder "du meinst". Der Satz sagt: Eier einarbeiten, bis es dir richtig erscheint, dass der Teig passt - eine Entscheidung nach Augenmaß, keine feste Regel.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Philippine Welser“ (Augsburg / Tirol). Hausbuch aus dem Augsburger Welser-Patriziat, benannt nach Philippine Welser (1527-1580), der späteren Gemahlin Erzherzog Ferdinands II. Geschrieben haben es drei Hände; Gerold Hayer hält es für wahrscheinlich, dass die Mutter Anna Welser der heiratsfähigen Tochter ein Buch mit Familien- und Hausrezepten mitgeben wollte. Ein Datum trägt die Handschrift nicht, das Wasserzeichen weist nach Augsburg 1543/44. Mit nur 41 Fleischgerichten unter 245 Rezepten (Zählung Gerold Hayers) ist die Sammlung beinahe eine Spezialsammlung für Fastenspeisen - und das älteste der vier Augsburger Kochbücher dieses Bestands, neun Jahre vor Sabina Welserin.

wilt du sprytze kiechla bachenn dau ain wenig waser jn ain pfanen vnnd schmaltzs brenn dau das schmaltzs dar ein das der dayg dar nach wol druckenn wertt dau den daig dar nach jn ain mayrser der waram sey vnd stays die ayır nach ain ander dar ein bys dich dunckt das der dayg rechtt sey leg die air auch jn waram waser for daus jn die sprytzen las syttig bachen wilt du gros schnitzs
Spritzen

Hier sind Spritzen oder Spritzbeutel mit Tülle gemeint, um den Teig in Form zu bringen.

kiechla

"Kiechla" sind kleine Küchlein - gespritzte, in Schmalz gebackene Gebäckstücke.

schmaltzs

Schreibvariante von "Schmalz", dem tierischen Fett.

wilt du gros schnitzs

Diese Zeile beginnt bereits die Überschrift des nächsten Rezepts (Gebackene Sträublein-Schnitze, phw-092), dessen eigener Text unmittelbar mit "bachenn" fortsetzt. Für dieses Rezept gehört die Zeile nicht mehr zum Inhalt.

Handschrift
Das Kochbuch der Philippine Welser
Folio
Fol. 044r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch-augsburgisch, Nachträge mit tirolisch-bairischen Zügen, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg / Tirol, 1543

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

ain wenig waserwater Q283
ayırchicken egg Q15260613

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartmayrser

Gewählte Lesart: Der 'Mayrser' ist ein Mörser, der hier zum Einarbeiten der Eier in den Teig dient. Es handelt sich um einen großen Fleischmörser, nicht um einen kleinen Gewürzmörser.

Lesartdruckenn wertt

Gewählte Lesart: Gelesen als 'trocken wird' - der Teig wird beim Erhitzen fest und trocken, wie beim Ansetzen eines Brandteigs. Gestützt durch die Parallelstellen in phw-090 und phw-102, die für denselben Vorgang dieselbe Wendung benutzen.

Lesartsyttig bachen

Gewählte Lesart: Gelesen als 'sachte backen', also bei milder, gleichmäßiger Hitze - so durchgängig an über einem Dutzend Stellen im Buch verwendet.

Andere mögliche Lesart:

Originalwerk (~1543) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 044r - Digitale Rekonstruktion: Originalschriftbild aus der Faksimile-Ausgabe (Edition Leipzig 1983), übertragen auf einen Hintergrund, der dem Originaleinband entspricht. Handschrift: Schloß Ambras bei Innsbruck, PA 1473 (Kunsthistorisches Museum Wien)
Transkription
Eigene Segmentierung der Faksimile-Ausgabe Edition Leipzig 1983 (Transkription Gerold Hayer) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/phw-091
LagerkücheLagerküche
Im Topf am Feuer in 30 Minuten fertig. Die Zutaten sind robust, lediglich das Schmalz braucht Kühlung, wenn es nicht tagesfrisch ist. Das Formen der Spritzkuchen erfordert etwas Übung.
Alle Rezepte aus Das Kochbuch der Philippine Welser Alle Kochbücher

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Stand dieser Fassung: 27.09.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.