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Weinbeermus für Gesunde und Kranke

Das Kochbuch der Philippine Welser · Augsburg / Tirol · 1543

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit25 Min.Portionen4-6 PersonenBuchDas Kochbuch der Philippine Welser (~1543)

Willst du ein Weinbeermus zubereiten, so nimm Weinbeeren und wasche sie sauber. Stoße sie gut mit geriebenem Brot. Wenn alles fein gestoßen ist, nimm Wein und treibe die Masse durch ein Sieblein. Siede es danach auf und gib Zucker und Zimt hinzu. Serviere es kalt oder warm.

Ist das Mus aber für einen Kranken, der Hitze hat, so nimm statt des Weins eine ungesalzene Hühnerbrühe, die am magersten ist. Das ist ihm sehr zuträglich.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
wein berla Weinbeeren - Supermarkt Rosinen
brosen brott Brotbrösel - - -
wein Wein - - -
zucker Zucker - - -
zimet Zimt, gestoßen - - -
henen brie Hühnerbrühe (ungesalzen, mager, optional) - Supermarkt, Metzger -

Welches Gericht ist das? Ein durchpassiertes Weinbeerenmus mit einer eigenen Variante für Kranke, bei der Wein durch magere, ungesalzene Hühnerbrühe ersetzt wird. Der Zwilling std-032 (Milde Weinbeer-Suppe für Kranke, ebenfalls aus dem Augsburger Sprachraum) beschreibt dieselbe Abfolge - Weinbeeren stoßen, mit Brot binden, mit Wein durch ein Sieb treiben - und stützt damit, dass die Kranken-Variante eine eigenständige Konvention dieser Rezeptgruppe ist und keine Einzelerfindung.

„dreybs“ - treiben oder reiben? Die Stelle ließe sich auch als „reiben“ lesen. Der Zwilling std-032 verwendet dieselbe Wendung eindeutig im Sinn von Durchtreiben der Masse mit Wein durch ein Sieb - das stützt die Lesart als Passieren, nicht als Zerreiben im Mörser.

Praxis. Weinbeeren waschen und im Mörser stoßen. Brotbrösel dazugeben und weiterstoßen, bis die Masse fein ist - das Brot bindet die Weinbeeren zu einer siebfähigen Masse. Mit Wein aufgießen und durch ein feines Sieb streichen. Kurz aufkochen und mit Zucker und Zimt, gestoßen, abschmecken. Kalt oder warm servieren. Für die Kranken-Variante ersetzt magere, ungesalzene Hühnerbrühe den Wein - ein rein diätetischer, kein technischer Unterschied.

Was bedeutet „Mus“ in diesem Rezept?

Ein Mus ist eine breiige Zubereitung aus zerstoßenen oder pürierten Früchten, Gemüse oder anderen Zutaten. Es wurde oft durch ein Sieb passiert, um eine feine, glatte Konsistenz zu erzielen, was es besonders für Kranke leichter verdaulich machte.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, gut geeignet. Die Zutaten sind robust und die Zubereitung erfordert lediglich einen Mörser, ein Sieb und eine Kochstelle. Die Hühnerbrühe für die optionale Variante kann gut vorbereitet mitgebracht werden.

Warum gibt es eine Variante für Kranke?

Die mittelalterliche Medizin basierte auf der Humoralpathologie, die den Körper in vier Säfte (Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle) einteilte. Speisen wurden oft an den Zustand des Patienten angepasst. Bei „Hitze“ (Fieber oder entzündliche Zustände) wurden kühlende oder milde Speisen empfohlen, wie hier die magere, ungesalzene Hühnerbrühe statt des Weins.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Philippine Welser“ (Augsburg / Tirol). Hausbuch aus dem Augsburger Welser-Patriziat, benannt nach Philippine Welser (1527-1580), der späteren Gemahlin Erzherzog Ferdinands II. Geschrieben haben es drei Hände; Gerold Hayer hält es für wahrscheinlich, dass die Mutter Anna Welser der heiratsfähigen Tochter ein Buch mit Familien- und Hausrezepten mitgeben wollte. Ein Datum trägt die Handschrift nicht, das Wasserzeichen weist nach Augsburg 1543/44. Mit nur 41 Fleischgerichten unter 245 Rezepten (Zählung Gerold Hayers) ist die Sammlung beinahe eine Spezialsammlung für Fastenspeisen - und das älteste der vier Augsburger Kochbücher dieses Bestands, neun Jahre vor Sabina Welserin.

wilt du ain wein ber muß machenn so nim wein berla vnd wesch sauber vnd stays wol vnd ain brosen brott dar an vnnd wanss klain gestosenn ist so nim ain wein vnnd dreybs durch ain syblin vnnd seutz dar nach vnd dau ain zucker vnd zimet dar an gibs kalt oder waram isch aber ain krancken des hitz hatt so nim für den wein ain vn gesaltzen henen brie die aufs megerst ist ist jm fast gutt
wein berla

Diminutiv von Weinbeeren. Hier sind getrocknete Weinbeeren (Rosinen) gemeint, die für ein Mus typischer sind und sich gut zerstoßen lassen.

brosen brott

Geriebenes Brot oder Brotbrösel, die als Bindemittel und zur Texturgebung dienen.

syblin

Ein kleines Sieb, durch das die Masse getrieben wird, um eine feine, glatte Konsistenz zu erhalten.

henen brie

Hühnerbrühe. Die Angabe „aufs megerst ist“ (am magersten ist) betont die diätetische Eignung für Kranke.

Handschrift
Das Kochbuch der Philippine Welser
Folio
Fol. 081r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch-augsburgisch, Nachträge mit tirolisch-bairischen Zügen, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg / Tirol, 1543

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

weinwine Q282
zuckerunrefined cane sugar Q57656231
zimetcinnamon Q28165
henen briechicken stock Q96362076

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartdreybs

Gewählte Lesart: „treibe es“ - dies bezieht sich auf das Passieren der Masse durch ein Sieb, um eine feine Konsistenz zu erzielen.

Andere mögliche Lesart:

  • „reibe es“ - eine alternative Lesart, die ebenfalls das Zerkleinern und Passieren implizieren könnte, aber „treiben“ ist im Kontext des Siebens dicker Massen gebräuchlicher. - Das Verb „treiben“ (mhd. trîben) kann im Kontext von Speisen auch das Passieren durch ein Sieb bedeuten, während „reiben“ (mhd. rîben) eher das Zerkleinern auf einer Reibe oder im Mörser beschreibt. Der Zwilling std-032 verwendet dieselbe Formulierung („treibs mit wein“) eindeutig im Sinn von Durchtreiben durch ein Sieb, was die primäre Lesart stützt.

Lesartseutz

Gewählte Lesart: „siede es“ - hier im Sinne von „aufkochen“ oder „simmern lassen“, um die Masse zu erhitzen und die hinzugefügten Gewürze zu lösen.

Andere mögliche Lesart:

  • „setze es“ - könnte das Eindicken oder Absetzen der Masse bedeuten, aber im Kontext der Zugabe von Zucker und Zimt ist das Aufkochen plausibler. - Das Wort „seutz“ kann eine Form von „sieden“ (kochen) oder „setzen“ (sich absetzen lassen, eindicken) sein. Da direkt danach Zucker und Zimt hinzugefügt werden, ist ein kurzes Aufkochen oder Simmern, um die Süße und Würze zu integrieren, die wahrscheinlichere Zubereitungsweise für ein Mus.

Originalwerk (~1543) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 081r - Digitale Rekonstruktion: Originalschriftbild aus der Faksimile-Ausgabe (Edition Leipzig 1983), übertragen auf einen Hintergrund, der dem Originaleinband entspricht. Handschrift: Schloß Ambras bei Innsbruck, PA 1473 (Kunsthistorisches Museum Wien)
Transkription
Eigene Segmentierung der Faksimile-Ausgabe Edition Leipzig 1983 (Transkription Gerold Hayer) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/phw-160
LagerkücheLagerküche
Gut geeignet. Die Zutaten sind robust und die Zubereitung ist mit Mörser und Sieb am Feuer in kurzer Zeit machbar. Die Hühnerbrühe für die Kranken-Variante kann vorbereitet mitgebracht werden.
Alle Rezepte aus Das Kochbuch der Philippine Welser Alle Kochbücher

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Stand dieser Fassung: 25.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.