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Fisch im klaren Wassersud

Das Kochbuch der Philippine Welser · Augsburg / Tirol · 1543

FischHauptspeise · FischLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 6/10
BuchDas Kochbuch der Philippine Welser (~1543)

Rugetten sind schwer zu sieden.

Nimm dazu reines Wasser, das ist besser als Essig oder Wein. Wasser, Pfeffer und Salz sind für sie am besten.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
rugetten Fisch (Art unbekannt) - Wochenmarkt, Fischhändler Hecht, Karpfen oder Forelle
eyttel waser Wasser - - -
pfefer Pfeffer - - -
saltz Salz - - -
esich Essig (optional) - - -
wein Wein (optional) - - -

Welches Gericht ist das?

Ein einfach gesottener Süßwasserfisch in klarem Sud. Zwei Rezepte zuvor im selben Buch wird derselbe Fisch in einer Essig-Kräuter-Brühe gegart; hier steht die gegenteilige Empfehlung. Ein direktes modernes Pendant fehlt, weil die genaue Art unsicher bleibt - milder Süßwasserfisch wie Hecht, Karpfen oder Forelle eignet sich als Ersatz.

Die Sud-Frage.

Das Rezept vergleicht zwei Siedeflüssigkeiten: im Nachbarrezept ein Essig-Kräuter-Sud, hier reines Wasser mit Pfeffer und Salz, weil dieser Fisch „schwer zu sieden“ sei. Warum Essig oder Wein hier schlechter passen sollen, sagt der Text nicht - das bleibt offen.

Praxis.

Setze den Fisch in kaltem, gesalzenem und gepfeffertem Wasser auf und lass ihn sanft gar ziehen, ohne stark zu kochen. Auf Essig oder Wein im Sud verzichten. Da frischer Fisch schnell verdirbt, gehört er bis zur Zubereitung gekühlt oder wird am Tag des Fangs verarbeitet.

Was sind „Rugetten“ in diesem Rezept?

Rugetten sind ein Fisch, keine Rüben. Zwei Rezepte zuvor im selben Buch werden sie ausdrücklich als Fisch gesotten. Die genaue Art bleibt unsicher; nach einem Wörterverzeichnis zu dieser Handschrift vermutlich eine Quappe oder Aalrutte.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Eingeschränkt. Frischer Fisch muss bis zur Verarbeitung gekühlt werden, das Sieden selbst ist dagegen unkompliziert und am Feuer schnell erledigt.

Was bedeutet „schlecht zu sieden“?

Der Text sagt, dass sich dieser Fisch schwer sieden lässt, und empfiehlt deshalb einen reinen Wasser-Pfeffer-Salz-Sud statt Essig oder Wein. Eine Begründung dafür nennt das Rezept nicht.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Philippine Welser“ (Augsburg / Tirol). Hausbuch aus dem Augsburger Welser-Patriziat, benannt nach Philippine Welser (1527-1580), der späteren Gemahlin Erzherzog Ferdinands II. Geschrieben haben es drei Hände; Gerold Hayer hält es für wahrscheinlich, dass die Mutter Anna Welser der heiratsfähigen Tochter ein Buch mit Familien- und Hausrezepten mitgeben wollte. Ein Datum trägt die Handschrift nicht, das Wasserzeichen weist nach Augsburg 1543/44. Mit nur 41 Fleischgerichten unter 245 Rezepten (Zählung Gerold Hayers) ist die Sammlung beinahe eine Spezialsammlung für Fastenspeisen - und das älteste der vier Augsburger Kochbücher dieses Bestands, neun Jahre vor Sabina Welserin.

rugetten machen schlech [schlecht] zu syeden so nim eyttel waser ist beser dan jm esich oder wein nu waser vnd pfefer vnd saltz sent sy am besten
rugetten

„Rugetten“ sind ein Fisch, keine Rüben. Zwei Rezepte zuvor im selben Buch wird derselbe Begriff ausdrücklich für einen Fisch verwendet („am fisch siedenn“, „ander fisch auch also siede“). Die genaue Art bleibt unsicher.

schlech zu syeden

Wörtlich „schlecht zu sieden“ - hier im Sinn von schwer oder mühsam zu garen. Ob „schlecht“ eher „schwierig“ oder „schlicht, einfach“ meint, lässt der Text offen.

eyttel waser

„Eyttel“ bedeutet im Frühneuhochdeutschen „rein“ oder „nur“, nicht „eitel“ im modernen Sinn. Gemeint ist reines, klares Wasser.

sent

„Sent“ ist eine frühneuhochdeutsche Schreibweise für „sind“, die dritte Person Plural des Verbs „sein“.

Handschrift
Das Kochbuch der Philippine Welser
Folio
Fol. 099r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch-augsburgisch, Nachträge mit tirolisch-bairischen Zügen, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg / Tirol, 1543

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

rugettenfish Q600396
eyttel waserwater Q283
pfeferpepper Q3143131
saltztable salt Q11254
esichvinegar Q41354
weinwine Q282

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartrugetten

Gewählte Lesart: Wir haben „rugetten“ als „Fisch (Art unbekannt)“ übersetzt - im selben Buch zwei Rezepte zuvor wird derselbe Begriff ausdrücklich für einen Fisch verwendet.

Andere mögliche Lesarten:

  • Rüben (Wurzelgemüse). - Naheliegend, aber widerlegt: dasselbe Wort ist im Buch selbst als Fisch belegt, und ein Wörterverzeichnis zu dieser Handschrift führt „rugette(n)“ als Fischart.
  • Eine bestimmte Fischart, konkret Quappe oder Aalrutte. - Ein Wörterverzeichnis zu dieser Handschrift nennt für „rugette(n)“ eine lateinische Fischbezeichnung, die auf Quappe oder Aalrutte hindeutet. Das ist ein gestützter Hinweis, aber kein zweiter unabhängiger Beleg für genau diese Stelle - deshalb bleibt die vorsichtigere Lesart „Fisch, Art unbekannt“ die primäre.

Lesartschlech

Gewählte Lesart: Wir haben „schlech“ als „schwer/schwierig zu sieden“ übersetzt.

Andere mögliche Lesarten:

  • „Schlehen“ (die Frucht). - „Schlech“ ist eine bekannte Schreibvariante von „Schlehen“, ergäbe hier aber einen sinnlosen Satz („Schlehen machen Schlehen schwer zu sieden“) und passt nicht zum Fischkontext.
  • „Schlicht, einfach“ statt „schwierig, minderwertig“. - „Schlecht“ trägt bei Sachbezeichnungen beide Bedeutungen; der Satzzusammenhang (Vergleich der Siedeflüssigkeiten) legt eher „schwierig zu sieden“ nahe, sicher ausschließen lässt sich die andere Lesart nicht.

Lesarteyttel waser

Gewählte Lesart: Wir haben „eyttel“ als „reines“ oder „nur“ übersetzt.

Andere mögliche Lesart:

  • „Eitel“ im modernen Sinn von „vergeblich“ oder „nichtig“. - Im Frühneuhochdeutschen bedeutet „eyttel“ in diesem Kontext typischerweise „rein“ oder „bloß“, bezogen auf die Qualität des Wassers, nicht auf dessen Wertigkeit im modernen Sinn.

Lesartsent

Gewählte Lesart: Wir haben „sent“ als „sind“ (3. Person Plural von „sein“) übersetzt.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine Form des Verbs „senden“. - Im Satzzusammenhang („Wasser und Pfeffer und Salz sind am besten für sie“) ist „sind“ die grammatisch stimmige Lesart.

Lesartwaser vnd pfefer vnd saltz (statt esich oder wein)

Gewählte Lesart: Wir übernehmen die Empfehlung als reine Sud-Wahl ohne Begründung: Wasser, Pfeffer und Salz statt Essig oder Wein.

Andere mögliche Lesart:

  • Ein konkreter geschmacklicher oder küchenpraktischer Grund für die Bevorzugung von Wasser. - Der Text nennt keinen Grund. Eine Erklärung wäre erfunden; die Empfehlung bleibt als bloße Feststellung stehen.

Originalwerk (~1543) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 099r - Digitale Rekonstruktion: Originalschriftbild aus der Faksimile-Ausgabe (Edition Leipzig 1983), übertragen auf einen Hintergrund, der dem Originaleinband entspricht. Handschrift: Schloß Ambras bei Innsbruck, PA 1473 (Kunsthistorisches Museum Wien)
Transkription
Eigene Segmentierung der Faksimile-Ausgabe Edition Leipzig 1983 (Transkription Gerold Hayer) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/phw-189
LagerkücheLagerküche
Frischer Fisch muss bis zur Verarbeitung gekühlt werden. Das Sieden selbst ist einfache Feuerküche mit wenigen Zutaten.
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Stand dieser Fassung: 25.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.