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Zerschnittene Fischpastete

Das Kochbuch der Philippine Welser · Augsburg / Tirol · 1543

FischHauptspeise · FischLagerkücheLagerküche-tauglichMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit90 Min.Portionen4-6 PersonenBuchDas Kochbuch der Philippine Welser (~1543)

Nimm den Fisch und schneide ihn danach in Stücke, als wollte man sie sieden. Danach forme aus dem Teig eine runde Pastetenform.

Streue auf den Boden Gewürz, wie es zuerst beschrieben steht, doch rühre mehr Salz darunter oder salze den Fisch sonst besser. Lege die Fischstücke in die Pastetenform, würze und salze sie darauf und gib zwei gute Brocken Schmalz darauf. Schließe die Pastete und bestreiche die Form mit einem Ei.

Lasse die Pastete sachte backen. Wenn sie eine Stunde gebacken hat, nimm das Weiß von einem Ei und einen guten Wein dazu und schlage beides gut durcheinander. Forme einen kleinen Teigkranz und mache ein Löchlein in die Pastete. Schütte diesen Guss mit einem kleinen Trichter hinein und lasse die Pastete danach gut fertig backen. So soll man alle Fischpasteten mit dieser Sauce zubereiten.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
den fisch Fisch - gut sortierter Supermarkt, Fischhändler -
dem dayg Teig - Supermarkt Blätterteig oder Mürbeteig
gwirtz Gewürzmischung - - Pfeffer, Ingwer, Muskatblüte
schaltz [saltz] Salz - - -
zwen gutt brockenn schmaltzs Schmalz 80 g Metzger, Supermarkt Butter oder Pflanzenfett
ainem ay Ei 1 - -
das weys von aim ay Eiweiß 1 - -
ain gutte wein Wein - - Verjus oder Apfelessig

Welches Gericht ist das?

Eine selbsttragende Fischpastete: Ein steifer Teig wird zur eigenen Backform geformt (dem „Hafen“), mit zerteiltem Fisch, Gewürz, Salz und Schmalz gefüllt, verschlossen, mit Ei bestrichen und gebacken. Nach etwa einer Stunde wird durch ein kleines Loch mit einem Trichter ein Guss aus Eiweiß und Wein nachgegossen, danach fertig gebacken. Der Teig ist zugleich Form und Kruste - eine separate Backform braucht es nicht. Am nächsten kommt dem die Technik der handaufgesetzten Pastete (englisch raised pie, französisch pâté en croûte): auch dort trägt der Teig sich selbst, und eine Flüssigkeit wird erst nachträglich durch eine Öffnung eingefüllt. Ein einzelnes modernes Gericht mit Fischfüllung und nachgegossenem Ei-Wein-Guss als direkte Entsprechung gibt es nicht.

Was ist mit „Hafen“ gemeint?

Wörtlich heißt „Hafen“ Topf oder Kochgefäß. Hier ist damit aber die aus dem Teig selbst geformte, runde Backform gemeint - der Text nennt dieselbe Hülle zwei Zeilen später „basteten“. Das deckt sich mit den anderen Pasteten dieses Buchs: Der Teig wird zur eigenen Kruste geformt, ein separates Gefäß aus Ton oder Metall kommt nicht zum Einsatz.

Welches Gewürz ist „wie am ersten stet“ gemeint?

Der Verweis ist konkret, keine vage Floskel: Das unmittelbar vorausgehende Rezept dieser Fischpasteten-Reihe verweist ausdrücklich auf dieselbe Stelle - die Gewürzmischung der ersten Kapaunpastete des Buchs aus Ingwer, Pfeffer, Muskatnuss, Nelken, gestoßenem Zimt und Salz.

Praxis.

Fisch in mundgerechte Stücke schneiden, wie zum Sieden. Aus einem steifen Pastetenteig eine runde, hohe Form aufbauen. Boden mit der Gewürzmischung und reichlich Salz bestreuen (Fisch verträgt mehr Salz als Fleisch), Fischstücke einschichten, nochmals würzen und salzen, zwei Stücke Schmalz daraufgeben. Pastete verschließen, mit verquirltem Ei bestreichen, bei milder, gleichmäßiger Hitze backen. Nach etwa einer Stunde ein kleines Loch in die Kruste stechen und mit einem Trichter einen Guss aus Eiweiß und Wein eingießen; das Loch danach als kleines Dampfloch offenlassen. Weiterbacken, bis der Guss gestockt, die Kruste tief golden und der Fisch durchgegart ist.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Eingeschränkt. Die Pastete braucht über die gesamte Backzeit gleichmäßige Ofenhitze; am offenen Feuer ist das nur mit einem gut kontrollierten Dutch Oven und ständiger Hitzekontrolle machbar.

Was bedeutet 'gwirtz wie am ersten stet'?

Der Verweis ist keine vage Standardfloskel, sondern zeigt auf ein konkretes Rezept dieses Buchs: die erste Kapaunpastete, die dieselbe Gewürzmischung aus Ingwer, Pfeffer, Muskatnuss, Nelken, gestoßenem Zimt und Salz verwendet. Das unmittelbar vorausgehende Rezept dieser Fischpasteten-Reihe zitiert dieselbe Wendung und macht diesen Rückverweis ausdrücklich.

Was ist mit 'hafen' gemeint?

Wörtlich bedeutet 'hafen' Topf oder Kochgefäß. In diesem Rezept ist damit aber die aus dem Teig selbst geformte, runde Backform gemeint, die zugleich die Kruste der Pastete bildet - kein separates Gefäß aus Ton oder Metall.

Was ist der 'brie' oder 'brye' in diesem Rezept?

Der 'brie' oder 'brye' ist ein flüssiger Guss oder eine Sauce aus Eiweiß und Wein, die nach dem ersten Backen in die Pastete gefüllt wird. Er dient dazu, die Pastete saftiger zu machen und zusätzliche Aromen hinzuzufügen.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Philippine Welser“ (Augsburg / Tirol). Hausbuch aus dem Augsburger Welser-Patriziat, benannt nach Philippine Welser (1527-1580), der späteren Gemahlin Erzherzog Ferdinands II. Geschrieben haben es drei Hände; Gerold Hayer hält es für wahrscheinlich, dass die Mutter Anna Welser der heiratsfähigen Tochter ein Buch mit Familien- und Hausrezepten mitgeben wollte. Ein Datum trägt die Handschrift nicht, das Wasserzeichen weist nach Augsburg 1543/44. Mit nur 41 Fleischgerichten unter 245 Rezepten (Zählung Gerold Hayers) ist die Sammlung beinahe eine Spezialsammlung für Fastenspeisen - und das älteste der vier Augsburger Kochbücher dieses Bestands, neun Jahre vor Sabina Welserin.

ain zerschnite vysch bastete zu machenn so nim den fisch vnd schneytt jn dar nach mach stuck dar aus als wolt ma sy syeden dar nach mach aus dem dayg ain runden hafen vnnd se an boden gwirtz wie am ersten stet doch mer schaltz [saltz] rier dar vnnder oder saltz den fisch sunst bas vnnd leg die fisch jn die basteten vnnd gwirtz se drauff vnd saltz vnd zwen gutt brockenn schmaltzs dau dar auf vnnd machs zu vnnd bestreych den hafen mit ainem ay vnd las sittig bachen wan ain stundt bachen hatt so nim das weys von aim ay vnd ain gutte wein dar an vnd klopf wol durch ain ander vnd mach ain krentzlin ain lechlin vnd schit disen brie mit aim darchterlin dar ein vnd las dar nach wol bachenn also sol ma allen fysch bastette don mit der brye
hafen

Wörtlich ‚Topf‘ oder Kochgefäß. Wie bei anderen Pasteten dieses Buchs meint ‚Hafen‘ hier aber die selbsttragende, aus dem Teig selbst geformte Backform - der Text nennt dieselbe Hülle zwei Zeilen später ‚basteten‘ -, nicht ein Gefäß aus Metall oder Ton.

gwirtz wie am ersten stet

Verweist nicht auf eine allgemeine Standardmischung, sondern konkret auf die Gewürzmischung der ersten Kapaunpastete des Buchs (Ingwer, Pfeffer, Muskatnuss, Nelken, gestoßener Zimt, Salz) - das unmittelbar vorausgehende Rezept dieser Fischpasteten-Reihe löst dieselbe Wendung ausdrücklich auf diese Stelle auf.

sittig bachen

Bedeutet ‚sachte backen‘, also bei milder, gleichmäßiger Hitze, um ein langsames Garen und eine schöne Bräunung zu gewährleisten.

krentzlin

Ein ‚Kränzlein‘ ist ein kleiner Teigkranz, der hier vermutlich als dekorativer oder abdichtender Rand um das Löchlein in der Pastete dient.

lechlin

Ein ‚Löchlein‘ ist eine kleine Öffnung in der Pastetenoberfläche, durch die der Guss eingefüllt wird und Dampf entweichen kann.

brie / brye

Bezeichnet hier einen flüssigen Guss oder eine Sauce, die nach dem ersten Backvorgang in die Pastete gegeben wird, um sie saftiger zu machen und den Geschmack zu verfeinern.

darchterlin

Ein ‚Trichterlein‘ ist ein kleiner Trichter, der das Einfüllen des dünnflüssigen Gusses in das Löchlein der Pastete erleichtert.

Handschrift
Das Kochbuch der Philippine Welser
Folio
Fol. 039r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch-augsburgisch, Nachträge mit tirolisch-bairischen Zügen, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg / Tirol, 1543

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

den fischfish Q600396
gwirtzspice Q42527
schaltz [saltz]table salt Q11254
ainem aychicken egg Q15260613
das weys von aim ayegg white Q796758
ain gutte weinwine Q282

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartzerschnite

Gewählte Lesart: Das Adjektiv 'zerschnite' bezieht sich auf den Fisch, der vor dem Einlegen in die Pastete in Stücke geschnitten wird, nicht auf die Pastete selbst.

Lesartgwirtz wie am ersten stet

Gewählte Lesart: Verweist auf die konkrete Gewürzmischung der ersten Kapaunpastete des Buchs (Ingwer, Pfeffer, Muskatnuss, Nelken, gestoßener Zimt, Salz) - das unmittelbar vorausgehende Rezept dieser Fischpasteten-Reihe löst dieselbe Formulierung ausdrücklich auf diese Stelle auf.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine allgemeine, nicht näher spezifizierte Standard-Gewürzmischung. - So zunächst naheliegend gelesen, weil ohne Buchkontext nicht eindeutig - der konkrete Rückverweis im Nachbarrezept macht diese generische Lesart aber hinfällig.

Lesartschmaltzs

Gewählte Lesart: Die Mengenangabe 'zwen gutt brockenn schmaltzs' wird als etwa 80 g Schmalz interpretiert, eine plausible Menge für eine Pastetenfüllung dieser Art.

Andere mögliche Lesart:

  • Die Menge könnte auch größer oder kleiner sein, da 'gutt brockenn' eine vage Angabe ist. - Historische Mengenangaben sind oft unpräzise und hängen von der Größe der Pastete und der gewünschten Reichhaltigkeit ab. 80 g ist eine konservative Schätzung.

Lesartdarchterlin

Gewählte Lesart: Das Wort 'darchterlin' wird als Diminutiv von 'Trichter' übersetzt, also 'kleiner Trichter'.

Lesartbrie / brye

Gewählte Lesart: Der Begriff 'brie' bzw. 'brye' wird als flüssiger Guss oder Sauce übersetzt, der mit einem Trichter in die Pastete gefüllt wird.

Andere mögliche Lesart:

  • Es könnte auch einen dickeren Brei meinen. - Die Anweisung, den 'brie' mit einem 'darchterlin' (kleiner Trichter) einzuschütten, deutet jedoch auf eine eher flüssige Konsistenz hin, die durch ein dickeres Brei-Konzept nicht gut abgedeckt wäre.

Lesartlechlin (Verschluss nach dem Guss)

Gewählte Lesart: Das Löchlein bleibt nach dem Eingießen des Gusses offen und dient als kleines Dampfloch, bis der Guss gestockt ist.

Andere mögliche Lesart:

  • Das 'krentzlin' könnte als kleiner Teigpfropfen gelesen werden, der die Pastete nach dem Eingießen wieder verschließt. - Der Text sagt nicht ausdrücklich, ob das Loch offenbleibt oder wieder verschlossen wird - beide Lesarten sind mit dem Wortlaut vereinbar.

LesartDauer der zweiten Backphase

Gewählte Lesart: 'las dar nach wol bachenn' nennt keine Zeit- oder Hitzeangabe; als Richtwert dient, bis der Guss gestockt, die Kruste tief golden und der Fisch durchgegart ist.

Andere mögliche Lesart:

  • Zeitgenössisch wäre die Garprobe rein nach Gefühl oder Klang der Kruste erfolgt, ohne Zeitangabe. - Der Text selbst nennt keine Dauer - die moderne Zeit-/Garangabe ist eine praktische Ergänzung, keine Übersetzung.

Originalwerk (~1543) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 039r - Digitale Rekonstruktion: Originalschriftbild aus der Faksimile-Ausgabe (Edition Leipzig 1983), übertragen auf einen Hintergrund, der dem Originaleinband entspricht. Handschrift: Schloß Ambras bei Innsbruck, PA 1473 (Kunsthistorisches Museum Wien)
Transkription
Eigene Segmentierung der Faksimile-Ausgabe Edition Leipzig 1983 (Transkription Gerold Hayer) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/phw-078
LagerkücheLagerküche
Eingeschränkt (Backofen): Die Zubereitung einer Pastete erfordert einen Backofen mit gleichmäßiger Hitze. Mit einem Dutch Oven ist es machbar, erfordert aber ständige Kontrolle der Ober- und Unterhitze. Die Zutaten sind robust und gut lagerbar.
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Stand dieser Fassung: 22.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.