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Zwei Pastetenteige: Für den Pastetenhafen und für den Tortenboden

Das Kochbuch der Philippine Welser · Augsburg / Tirol · 1543

RezeptSonstigesLagerkücheLagerküche-tauglichMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit30 Min.PortionenFür 1-2 Pasteten oder TortenBuchDas Kochbuch der Philippine Welser (~1543)

Für den Pastetenteig (die Pastetenhülle): Nimm je zur Hälfte feines Mehl und Nachmehl. Schlage zwei Eier hinein und gib ausgelassenes Schmalz dazu, etwa so viel wie ein Ei groß. Gib heißes Wasser hinzu oder lasse das Schmalz im Wasser sieden. Wenn das Wasser etwas abgekühlt ist, gieße es zum Mehl und arbeite den Teig gut ab, bis er trocken und zäh wird - sonst lässt er sich nicht aufsetzen. Nur für Wildbret-Pasteten nehme ich reines feines Mehl; ist der Teig fast fertig, zupfe ich ihn.

Für einen guten und zähen Tortenboden: Nimm feines Mehl und ein oder zwei Eier, ein wenig Wasser und einen Löffel voll Schmalz. Schlage alles gut untereinander und gib Mehl hinzu, bis der Teig so dick wird wie ein Semmelteig. Danach arbeite ihn gut mit den Händen, bis er trocken wird. Danach forme einen schön dünnen Tortenboden und einen kleinen Kranz darum.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
halb schenn mel feines Mehl 250 g - -
halb nach mel Nachmehl 250 g gut sortierter Supermarkt, Bio-Laden Vollkornmehl
2 ayr Eier 2 - -
erlaseß schmaltzs geschmolzenes Schmalz 30 g Metzger, Supermarkt Butter oder Pflanzenfett
hays waser Heißes Wasser - - -
schen mel feines Mehl 500 g - -
ain ay oder zway Ei 1 - -
ain wenig waser Wasser - - -
ain lefel fol schmaltzs Schmalz 1 EL Metzger, Supermarkt Butter oder Pflanzenfett

Welches Gericht ist das? Zwei reine Grundteige für Pasteten und Torten, ohne eigene Füllung. Der erste ist ein Heißwasserteig für einen freistehenden Pastetenmantel, den „Hafen" - Wasser und Schmalz werden aufgekocht, handwarm ans Mehl gegossen und der Teig trocken und zäh gearbeitet, bis er sich ohne Form aufsetzen lässt. Diese Technik lebt bis heute in der englischen hand-raised pie fort, etwa bei der Pork Pie. Der zweite Teig ist ein dünner, eihaltiger Mürbeteig, der zu einem Tortenboden mit erhöhtem Randkranz geformt wird - Vorläufer eines Bodens, wie er heute für offene Obsttorten verwendet wird.

Für Wildbret-Pasteten wird beim ersten Teig statt der Mehl-Nachmehl-Mischung reines feines Mehl verwendet; ist der Teig fast fertig, wird er zusätzlich gezupft statt geknetet - ein eigener, gesondert benannter Arbeitsschritt.

Praxis. Für den Pastetenteig Wasser mit Schmalz aufkochen, handwarm abkühlen lassen, unter das Mehl arbeiten und trocken kneten, bis der Teig fest genug ist, um freihändig zu einer Hülle aufgerichtet zu werden - keine Backform nötig. Für den Tortenboden Ei, wenig Wasser und Schmalz verrühren, Mehl bis zur Konsistenz eines Semmelteigs einarbeiten, trocken kneten und dünn zu einem Boden mit Randkranz ausformen; dieser eignet sich für eine gegossene Füllung wie in verwandten Rezepten dieses Buchs.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Eingeschränkt geeignet. Der fertige Tortenboden mit Kranz braucht zum Backen eine Tortenpfanne oder einen Ofen, nicht nur das offene Feuer allein - die reine Teigzubereitung selbst ist im Lager unproblematisch.

Was bedeutet 'erlaseß Schmalz'?

'Erlaseß Schmalz' bezieht sich auf geschmolzenes oder ausgelassenes Schmalz. Es ist tierisches Fett, das durch Erhitzen flüssig gemacht wurde, um es besser in den Teig einarbeiten zu können.

Was ist ein 'bedalin'?

Ein 'bedalin' ist ein dünn ausgerollter Tortenboden, der als Unterlage für Pasteten oder Torten dient. Der Teig wird flach ausgerollt und bildet die Basis für die Füllung.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Philippine Welser“ (Augsburg / Tirol). Hausbuch aus dem Augsburger Welser-Patriziat, benannt nach Philippine Welser (1527-1580), der späteren Gemahlin Erzherzog Ferdinands II. Geschrieben haben es drei Hände; Gerold Hayer hält es für wahrscheinlich, dass die Mutter Anna Welser der heiratsfähigen Tochter ein Buch mit Familien- und Hausrezepten mitgeben wollte. Ein Datum trägt die Handschrift nicht, das Wasserzeichen weist nach Augsburg 1543/44. Mit nur 41 Fleischgerichten unter 245 Rezepten (Zählung Gerold Hayers) ist die Sammlung beinahe eine Spezialsammlung für Fastenspeisen - und das älteste der vier Augsburger Kochbücher dieses Bestands, neun Jahre vor Sabina Welserin.

wie ma die bastetten hefen machen sol so nim halb schenn mel vnnd halb nach mel schlag 2 ayr dar ein vnnd dau ain erlaseß schmaltzs dar ein als fyl als ain ay groß vn geferlich vnnd ain hays waser oder las das schmaltzs jm waser syedenn vnd wens ain wenig des waser erkelt ist so geus an das mel vnnd arwaytt jn wol ab das Er drucken vnnd zech wert er last sych sunst nit auf setzenn auser halb der wil bret basteten nim ich eydel schen mel vnd wan er schier genoug hat soer zopf ich jn so wirt wie ma die dayg zunn er gout vnd zech dorttenn machen sol Nim schen mel vnnd ain ay oder zway vnnd ain wenig waser vnd ain lefel fol schmaltzs vnnd klopfs wol vnder ain ander vnd se mel dar ein bys als dick wirtt als ain semel dayg dar nach arwaytt jn wol vnder den henden bys er drucken wirtt dar nach mach ain bedalin wol din vnnd ain krentzlin drum
Nachmehl

Grobes Mehl, das beim Mahlen nach dem feinen Mehl anfällt und noch einen höheren Anteil an Schalenbestandteilen (Kleie) enthält. Es ist dunkler und nährstoffreicher als feines Mehl.

Schmalz

Ausgelassenes tierisches Fett, meist vom Schwein (Schweineschmalz) oder Rind (Rindertalg). Es dient als Geschmacksträger und Bindemittel.

Semmelteig

Ein Teig, der die Konsistenz eines Brotteigs hat - fest, aber elastisch und gut knetbar.

bedalin

Ein dünn ausgerollter Tortenboden, der als Basis für Pasteten oder Torten dient.

krentzlin

Ein kleiner Teigkranz, der als erhöhter Rand um den Tortenboden gelegt wird, um die Füllung zu halten.

hefen

Gemeint ist nicht Hefe, sondern ein Gefäß im übertragenen Sinn: der aus dem Teig selbst geformte, freistehende Pastetenmantel ohne eigene Backform. Spätere Rezepte dieses Buchs setzen diese Handhabung bereits als bekannt voraus.

zopf ich jn

Zupfen oder reißen - eine ziehende Handbewegung, kein Kneten. Ein eigener Arbeitsschritt, der auf das Abarbeiten des Teigs folgt.

Handschrift
Das Kochbuch der Philippine Welser
Folio
Fol. 027r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch-augsburgisch, Nachträge mit tirolisch-bairischen Zügen, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg / Tirol, 1543

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

2 ayrchicken egg Q15260613
hays waserwater Q283
ain ay oder zwaychicken egg Q15260613
ain wenig waserwater Q283

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartbedalin

Gewählte Lesart: Tortenboden. Diese Lesart wird durch die buchweite Verwendung des Begriffs gestützt (durchgängig als Tortenboden belegt) und passt zum Kontext, wo ein dünner Boden mit einem Kranz geformt wird.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine Backunterlage oder ein Backblech. - Obwohl 'bedelin' in anderen Kontexten auch eine Backunterlage meinen könnte, ist die Formung eines Kranzes darum ein starkes Indiz für einen geformten Teigboden.

Lesartauser halb der wil bret basteten nim ich eydel schen mel

Gewählte Lesart: Für Wildbret-Pasteten wird reines feines Mehl statt der Halb-Halb-Mischung verwendet.

Andere mögliche Lesart:

  • Umgekehrte Zuordnung: außer bei Wildbret-Pasteten (wo die zuvor genannte Halb-Halb-Mischung gilt) nehme ich sonst, für andere Pasteten, reines feines Mehl. - Exzeptive Grundbedeutung von 'ausserhalb' im Frühneuhochdeutschen ('außer im Fall von'). Mittlere Konfidenz - am Kommentarband der Edition noch nicht gegengeprüft; vor einer Übernahme dort zu verifizieren.

Originalwerk (~1543) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 027r - Digitale Rekonstruktion: Originalschriftbild aus der Faksimile-Ausgabe (Edition Leipzig 1983), übertragen auf einen Hintergrund, der dem Originaleinband entspricht. Handschrift: Schloß Ambras bei Innsbruck, PA 1473 (Kunsthistorisches Museum Wien)
Transkription
Eigene Segmentierung der Faksimile-Ausgabe Edition Leipzig 1983 (Transkription Gerold Hayer) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/phw-056
LagerkücheLagerküche
Eingeschränkt geeignet. Der fertige Tortenboden mit Kranz braucht zum Backen eine Tortenpfanne oder einen Ofen; die Teigzubereitung selbst ist im Lager unproblematisch.
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Stand dieser Fassung: 22.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.