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Apfelmus, in der Schüssel über Glut gegart

Das Kochbuch der Philippine Welser · Augsburg / Tirol · 1543

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichMittelKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit20 Min.Portionen4 PersonenBuchDas Kochbuch der Philippine Welser (~1543)

Wenn du ein Apfelmus in einer Schüssel machen willst, so nimm Äpfel und schneide sie dünn in eine Schüssel.

Gib Zucker und Zimt daran. Dann erhitze heißes Schmalz und gieße es darüber. Gieße ein wenig Wein dazu und setze die Schüssel auf einen Rost. Schlage ein nasses Tuch um die Ränder der Schüssel und lege Glut darunter.

Lass es sieden, bis es gar ist. Serviere es warm.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
epfel Äpfel - - säuerliche Äpfel wie Boskoop oder Elstar
zucker Zucker - - -
rerla Zimt - - -
schmaltz Schmalz - - Butterschmalz oder Pflanzenöl
wein Wein - - Apfelessig oder Verjus

Welches Gericht ist das? Rohe, dünn geschnittene Apfelscheiben werden mit Zucker und Zimt bestreut, mit heißem Schmalz übergossen und mit etwas Wein aufgegossen in einer Schüssel gegart - näher an einem im geschlossenen Gefäß gegarten Apfelkompott als am heute unter "Apfelmus" verstandenen passierten Mus. Am ehesten vergleichbar mit einem gedünsteten Apfelkompott oder einer frühen Form des Bratapfels, ohne die heutige Präzisionstechnik eines Ofens mit Thermostat zu unterstellen.

Die Garmethode. Die Schüssel steht nicht direkt im Feuer, sondern auf einem Rost über der Glut - das ist indirekte Unterhitze, keine offene Flamme unter dem Gefäß. Ein nasses Tuch wird um den Schüsselrand geschlagen; es dichtet gegen Dampfverlust ab und schützt den Rand vor dem Verbrennen, wirkt also wie ein behelfsmäßiger Deckel. Dieselbe Grundidee - Glut als Hitzequelle ober- und/oder unterhalb eines abgedeckten Gefäßes - begegnet im selben Buch mehrfach.

Praxis. Äpfel dünn aufschneiden, das vergrößert die Oberfläche und beschleunigt das Garen. Mit Zucker und Zimt bestreuen, heißes, flüssiges Schmalz darübergießen und mit einem Schuss Wein aufgießen. Die Schüssel auf einen Rost über die Glut setzen und den Rand mit einem nassen Tuch abdichten. Sieden lassen, bis die Äpfel weich sind - das Original nennt keine Garprobe, eine feste Zeit- oder Konsistenzangabe lässt sich also nicht historisch belegen. Warm servieren.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja: Eine Schüssel auf einem Rost über Glut, mit nassem Tuch am Rand abgedichtet - dafür braucht es weder Ofen noch Kühlung, nur eine offene Feuerstelle.

Was bedeutet 'rerla' im Rezept?

'Rerla' ist eine frühneuhochdeutsche Bezeichnung für Zimt. Es wird hier als Gewürz für das Apfelmus verwendet.

Wie koche ich auf einem 'rost' mit 'glautt' und 'nas dauch'?

Platziere die Schüssel mit dem Apfelmus auf einem Rost über einer gleichmäßigen Glut. Schlage ein nasses Tuch um die oberen Ränder der Schüssel, um die Feuchtigkeit zu halten und ein Anbrennen zu verhindern. Die Glut darunter sorgt für die nötige Hitze.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Philippine Welser“ (Augsburg / Tirol). Hausbuch aus dem Augsburger Welser-Patriziat, benannt nach Philippine Welser (1527-1580), der späteren Gemahlin Erzherzog Ferdinands II. Geschrieben haben es drei Hände; Gerold Hayer hält es für wahrscheinlich, dass die Mutter Anna Welser der heiratsfähigen Tochter ein Buch mit Familien- und Hausrezepten mitgeben wollte. Ein Datum trägt die Handschrift nicht, das Wasserzeichen weist nach Augsburg 1543/44. Mit nur 41 Fleischgerichten unter 245 Rezepten (Zählung Gerold Hayers) ist die Sammlung beinahe eine Spezialsammlung für Fastenspeisen - und das älteste der vier Augsburger Kochbücher dieses Bestands, neun Jahre vor Sabina Welserin.

wilt du ain apfel muß jn ainer schysel machen so nim epfel vnd schneyt sy din jn ain schisel vnd dau zucker vnd rerla dar an vnnd bren ain hais schmaltz dar yber geus ain wenig ain wein dar an vnd setz auf ain rost schlag ain nas dauch vm die refft vnnd dau ain glautt dar vnder vnnd las syedenn bys gnoug hatt gibs waram
rerla

Eine frühneuhochdeutsche Bezeichnung für Zimt, hier in Pulverform verwendet.

bren ain hais schmaltz dar yber

Diese Anweisung bedeutet, heißes, flüssiges Schmalz über die vorbereiteten Zutaten zu gießen. Dies dient der Aromatisierung und als Wärmeträger.

rost

Ein Rost, auf dem die Schüssel über der Glut platziert wird. Dies ermöglicht eine indirekte und gleichmäßige Hitzeverteilung.

nas dauch vm die refft

Ein nasses Tuch wird um die Ränder ("refft", Dim. zu "Ranft") der Schüssel geschlagen. Dies hält Hitze und Feuchtigkeit im Inneren und schützt den Rand vor dem Anbrennen - funktional ein Deckelersatz.

Handschrift
Das Kochbuch der Philippine Welser
Folio
Fol. 086r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch-augsburgisch, Nachträge mit tirolisch-bairischen Zügen, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg / Tirol, 1543

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

epfelapple Q89
zuckerunrefined cane sugar Q57656231
rerlacinnamon Q28165
schmaltzanimal fat Q1423543
weinwine Q282

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartglautt

Gewählte Lesart: Die Lesart 'Glut' (Hitzequelle unter der Schüssel) ist über den Korpus hinweg konsistent gesetzt (u. a. phw-028, phw-048, phw-092, phw-125, phw-138, phw-146, phw-149) und im Kontext des Kochens auf dem Rost über dem Feuer eindeutig plausibel.

Originalwerk (~1543) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 086r - Digitale Rekonstruktion: Originalschriftbild aus der Faksimile-Ausgabe (Edition Leipzig 1983), übertragen auf einen Hintergrund, der dem Originaleinband entspricht. Handschrift: Schloß Ambras bei Innsbruck, PA 1473 (Kunsthistorisches Museum Wien)
Transkription
Eigene Segmentierung der Faksimile-Ausgabe Edition Leipzig 1983 (Transkription Gerold Hayer) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/phw-167
LagerkücheLagerküche
Reines Feuerküchen-Setup: eine Schüssel wird auf einen Rost gesetzt, ein nasses Tuch dichtet den Rand ab, Glut liefert die Hitze von unten - kein Ofen, keine Kühlung nötig. Dieselbe Apparatur trägt bei phw-149 bereits "ja".
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Stand dieser Fassung: 25.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.