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Gewürzmischung für Hippocras

The Forme of Cury · England · 1390

Gewürz / SauceGewürz / SauceLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 9/10HippocrasHöfische KücheHofkücheVeganVegan
Zubereitungszeit15 Min.PortionenErgibt ca. 100 g GewürzmischungBuchThe Forme of Cury (~1390)

Nimm drei Unzen Zimt und drei Unzen Ingwer. Füge spanischen Spiknard hinzu, das Gewicht eines Denars. Dann nimm Galgant, Nelken, Gewürznelken, langen Pfeffer, Muskatnüsse, Majoran, Kardamom, Storax und Queynel - von jedem dieser Gewürze eine halbe Unze. Von den süßen Körnern und den Paradieskörnern nimm jeweils eine viertel Unze. Mahle alle diese Gewürze zu einem feinen Pulver.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
Treys Unces de canett. 3 Unzen Zimt 90 g - -
& iii unces de gyngeuer. 3 Unzen Ingwer 90 g - -
spykenard de Spayn le pays dun denerer spanischer Spiknard 1,3 g Kräuter- und Gewürzhandel (Lavendelblüten). Schopflavendel oder Speiklavendel; ersatzweise eine Spur Muskatnuss
garyngale 1/2 Unze Galgant 15 g - -
clowes 1/2 Unze Nelken 15 g - -
gylofre 1/2 Unze Gewürznelken (Gillyflower) 15 g Online-Gewürzhandel Kubebenpfeffer oder eine weitere Prise Nelken
poeurer long 1/2 Unze Langer Pfeffer 15 g - -
noiez mugadez 1/2 Unze Muskatnüsse 15 g - -
maziozame 1/2 Unze Majoran 15 g - -
cardemonij 1/2 Unze Kardamom 15 g - -
douce grayne 1/4 Unze Süße Körner (z.B. Koriander oder Fenchel) 7½ g - -
de paradys 1/4 Unze Paradieskörner 7½ g Online-Gewürzhandel schwarzer Pfeffer
stour 1/2 Unze Storax 15 g Online-Zutatenhandel Benzoeharz
queynel 1/2 Unze Queynel (Cubeben oder Zimt) 15 g Online-Gewürzhandel Cubeben (Piment) oder eine weitere Prise Zimt

Welches Gericht ist das? Eine Gewürzmischung für Ypocras (Hippocras), den klassischen mittelalterlichen Gewürzwein - das festliche Pendant zum heutigen Glühwein, aber kalt mazeriert statt gekocht. Dasselbe Konzept findet sich quer durch die Quellen: die Pouldre fine des Viandier (via-170), das Hippocras-Pulver im Ménagier (men-317). Das Pulver wird in Wein eingelegt und durch ein Tuch geseiht, der gewürzte Wein dann gesüßt getrunken.

Ypocras ist nach dem antiken Arzt Hippokrates benannt, weil der Wein durch einen spitzen Filterbeutel (manica Hippocratis, „Hippokrates-Ärmel") geklärt wurde. Hier wird nur die trockene Gewürzbasis hergestellt; Wein und Zucker kommen beim Ansetzen dazu.

Queynel ist der unsicherste Posten. Pegge (1780) erwog Canell (Zimt), wundert sich aber selbst, da Zimt schon als canett genannt ist. Plausibler ist Kubeben (Piper cubeba), ein pfefferartiges Gewürz, das in solchen Mischungen üblich war - sicher ist es nicht.

Stour (Storax) ist ein wohlriechendes Harz (Styrax officinalis bzw. Benzoeharz), das den Wein parfümierte - heute eher aus dem Räucherhandel als aus der Küche, in sehr kleiner Menge.

Praxis. Alle Gewürze trocken im Mörser fein mahlen und mischen. Für den fertigen Hippocras 2-3 gehäufte Esslöffel Pulver mit reichlich Zucker (rund 100-150 g je Liter) in einen kräftigen Rotwein geben, ein paar Stunden ziehen lassen und mehrfach durch ein Filtertuch laufen lassen, bis er klar ist. Storax und Spiknard sparsam dosieren - beide sind intensiv.

Was ist Hippocras?

Hippocras ist ein mittelalterlicher Gewürzwein, der durch das Mazerieren von Gewürzen in Wein hergestellt wurde. Er war im Mittelalter sehr beliebt, sowohl als Digestif als auch als festliches Getränk.

Was ist ein „Denar“ und was ist „spanischer Spiknard“?

„le pays dun denerer“ meint das Gewicht eines Denars, also einer mittelalterlichen Münze; das sind etwa 1,3 Gramm.

Spannender ist die Zutat selbst. Die echte Narde (Nardostachys jatamansi) stammt aus dem Himalaya, kann hier also nicht gemeint sein, denn das Rezept schreibt ausdrücklich „de Spayn“. „Nard“ war im Mittelalter ein Sammelbegriff für mehrere duftende Wurzeln und Kräuter, und welche davon hier steht, ist bis heute umstritten. Am besten begründet ist Lavendel: Der Schopflavendel heißt im Englischen bis heute „Spanish lavender“, der Speiklavendel „spike lavender“, und beide wurden als billigere Nardenware gehandelt. Daneben werden Baldrianwurzel und Haselwurz vorgeschlagen.

Nimm Lavendelblüten. Das ist die am besten begründete Lesart und zugleich die einzige unbedenkliche: Haselwurz ist wegen Aristolochiasäure zum Verzehr nicht geeignet.

Was sind 'Gewürznelken (Gillyflower)', 'Paradieskörner', 'Storax' und 'Queynel'?

Gewürznelken (Gillyflower) waren im Mittelalter oft eine Bezeichnung für Nelken oder andere duftende Blüten. Hier wird es als eigenständiges Gewürz interpretiert, das du im Online-Gewürzhandel finden kannst, alternativ Kubebenpfeffer. Paradieskörner sind ein pfefferartiges Gewürz aus Westafrika, erhältlich im Online-Gewürzhandel. Storax ist ein aromatisches Harz, das in Apotheken oder spezialisierten Online-Shops für Räucherwerk oder Naturprodukte erhältlich ist (oft als Benzoeharz). Queynel ist ein mehrdeutiger Begriff, der Cubeben (ein pfefferartiges Gewürz) oder eine weitere Zimtart bezeichnen könnte; Cubeben sind im Online-Gewürzhandel erhältlich.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Ja, hervorragend geeignet. Die Gewürze können entweder bereits zu Hause gemahlen und in Dosen mitgebracht werden, oder du kannst sie frisch am Lager mit einem Mörser und Stößel zubereiten. Die Zubereitung des Pulvers selbst ist unkompliziert und erfordert keine speziellen Kochutensilien außer einem Mörser.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „The Forme of Cury“. Englisches Kochbuch der Hofköche Richard II. (~1390). Etwa 196 Rezepte der höfischen Küche Englands. Nah verwandt mit dem Ménagier de Paris - beide reflektieren die internationalisierte Küche des Spätmittelalters.

PUR FAIT YPOCRAS XX.IX Treys Unces de canett. & iii unces de gyngeuer. spykenard de Spayn le pays dun denerer , garyngale clowes, gylofre. poeurer long , noiez mugadez maziozame cardemonij de chescun i. quart' douce grayne & de paradys stour de queynel de chescun dim unce de toutes, soit fait powdour &c. Pur fait Ypocras. Id est, _Pour faire Ypocras_; a whole pipe of which was provided for archbishop Nevill's feast about A.D. 1466, So that it was in vast request formerly. le pays d'un denerer, i.e. _le pays d'un Denier_. garyngale, i.e. _galyngale_. poeurer long, r. poiurer long, i.e. _poivre long_. mugadez, r. muscadez; but q. as the French is _muguette_. Nutmegs. maziozame, r. _marjorame_. Cardemonij, r. _Cardamones_. quartdouce, r. _d'once._. Five penny weights. &. dele. queynel. Perhaps _Canell_; but qu. as that is named before. dim. dimid.
spykenard de Spayn

Welche Pflanze hier gemeint ist, ist in der Forschung nicht entschieden. Sicher ist nur, was sie nicht ist: Die echte Narde (Nardostachys jatamansi) wächst im Himalaya, und genau das schließt die Herkunftsangabe „de Spayn“ aus. „Nard“ war im Mittelalter ein weiter Sammelbegriff; schon Plinius führt ein Dutzend Pflanzen darunter auf.

Diskutiert werden vor allem drei Kandidaten. Für Lavendel (Lavandula stoechas, Schopflavendel, bis heute englisch „Spanish lavender“; oder Lavandula latifolia, Speiklavendel, englisch „spike lavender“) spricht die Herkunftsangabe am deutlichsten, und beide wurden als billigere Nardenware gehandelt. Genannt wird außerdem Baldrianwurzel, die ebenfalls unter „Narde“ lief (Valeriana celtica). Ein dritter Vorschlag ist Haselwurz (Asarum europaeum), im Englischen „asarabacca“ und gelegentlich „wild nard“ genannt.

Für die Küche fällt die Wahl damit trotzdem eindeutig aus: Haselwurz gehört zu den Osterluzeigewächsen und ist wegen Aristolochiasäure zum Verzehr nicht geeignet. Lavendel ist die zugleich am besten begründete und die unbedenkliche Lesart.

le pays dun denerer

Das Gewicht eines Denars (mittelalterliche Münze), etwa 1,3 Gramm.

garyngale

Galgant, eine ingwerähnliche Wurzel.

gylofre

„Gylofre" ist mittelenglisch für Gewürznelken (Syzygium aromaticum), vom altfranz. girofle, Latein caryophyllum. Bei Pegge 1780 und Hieatt/Butler 1985 eindeutig als „cloves" identifiziert. Wichtig zur Disambiguierung: Modern wird gillyflower manchmal für die Nelken-Blume (Dianthus caryophyllus, Garten-Nelke) verwendet, das ist eine Übertragung des Namens auf eine Blume mit Nelken-Duft. Im Forme of Cury und in allen mittelenglischen Kochtexten bedeutet gylofre die Gewürznelke selbst (siehe auch Gewürze), kein Blüten-Gewürz.

de paradys

Paradieskörner (Aframomum melegueta), ein pfefferartiges Gewürz aus Westafrika.

stour

Storax, ein aromatisches Harz (Styrax bzw. Benzoeharz), das den Wein parfümierte.

queynel

Mehrdeutig. Am ehesten Kubeben (Piper cubeba); Pegge erwog Zimt (Canell), was aber doppelt wäre, da Zimt bereits als canett genannt ist.

Ypocras

Hippocras, ein mittelalterlicher Gewürzwein, benannt nach Hippokrates wegen des kegelförmigen Filterbeutels (manica Hippocratis).

Handschrift
The Forme of Cury
Folio
Fol. 87 recto
Sprache
Mittelenglisch
Entstehung
England, 1390

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

Treys Unces de canett.cinnamon Q28165
& iii unces de gyngeuer.ginger Q15046077
garyngalelesser galangal Q27653540
clowesclove Q15622897
gylofreclove Q15622897
poeurer longlong pepper Q685336
noiez mugadeznutmeg Q83165
maziozamemarjoram Q22694
cardemonijcardamom Q14625808
de paradysgrain of paradise Q1503476

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartqueynel

Gewählte Lesart: Kubeben (Piper cubeba), ein pfefferartiges Gewürz, das in mittelalterlichen Würzmischungen üblich war.

Andere mögliche Lesart:

  • Eine weitere Zimtsorte - Der Herausgeber Pegge erwog Canell (Zimt), zweifelt aber selbst, da Zimt bereits als canett am Anfang genannt ist. Eine zweite Zimtart bleibt denkbar, ist aber unwahrscheinlicher.

Lesartde chescun dim unce de toutes

Gewählte Lesart: Süße Körner und Paradieskörner jeweils 1/4 Unze; alle übrigen Gewürze ab Galgant jeweils 1/2 Unze. Die Schlussformel de chescun dim unce bezieht sich auf die Hauptliste, die 1/4-Unze-Angabe ist die Ausnahme für die beiden Körner-Gewürze.

Lesartspykenard de Spayn

Gewählte Lesart: Lavendel (Lavandula stoechas oder L. latifolia). Die Herkunftsangabe „de Spayn“ schließt die Himalaya-Narde aus; beide Lavendelarten sind iberisch-mediterran, wurden als Nardenware gehandelt und tragen die Namen bis heute im Englischen.

Andere mögliche Lesarten:

  • Baldrianwurzel (Valeriana celtica). - Auch sie lief unter „Narde“ und wird in der Literatur zu dieser Stelle genannt. Die Herkunftsangabe passt allerdings schlechter, da Valeriana celtica alpin ist.
  • Haselwurz (Asarum europaeum, englisch asarabacca). - Wird in der Literatur als Kandidat vorgeschlagen. Für den Nachkoch ausgeschlossen: Die Pflanze gehört zu den Osterluzeigewächsen und ist wegen Aristolochiasäure zum Verzehr nicht geeignet.

Originalwerk (~1390) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 87 recto, The University of Manchester Library, English MS 7 (John Rylands Library)
Transkription
Project Gutenberg - The Forme of Cury (ed. Samuel Pegge, 1780) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/foc-187
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Stand dieser Fassung: 30.08.2026 - 4-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.