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Hirnmus von Ochsen- oder Kalbshirn

Das Kochbuch der Philippine Welser · Augsburg / Tirol · 1543

RindHauptspeise · RindEinfachKorrekturBearbeitungsstand 8/10
Zubereitungszeit20 Min.Portionen2-3 PersonenBuchDas Kochbuch der Philippine Welser (~1543)

Nimm ein Hirn von einem Ochsen oder Kalb. Wasche es sauber ab und gib es in eine Schüssel. Mache es mit Eiern an, sodass es dünn wird.

Lass Schmalz in einer Pfanne heiß werden und schütte das Hirn hinein. Bereite es zu wie gerührte Eier. Gib gestoßene Zimtstangen, Muskatnuss und Safran dazu.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
ain hiren von ainen ochsen oder kalb Hirn von Ochsen oder Kalb - Metzger -
ayren Eier - - -
schmaltz Schmalz - - Butterschmalz oder Pflanzenöl
rerlach Zimtstangen, gestoßen - - -
musgatt nus Muskatnuss - - -
safern Safran - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel -

Welches Gericht ist das?

Ein in heißem Schmalz gestocktes Rührei aus zerkleinertem Kalbs- oder Ochsenhirn, gewürzt mit Zimt, Muskatnuss und Safran. Die Kombination aus Hirn und Ei ist bis heute in Bayern und Österreich als „Hirn mit Ei“ beziehungsweise „Bauernfrühstück mit Hirn“ bekannt - eine lebendige Nose-to-Tail-Tradition, auch wenn die Würzung mit Safran heute unüblich ist. Im Buch selbst steht das Rezept allein da, phw-156 ist das einzige Hirn-Rezept der Handschrift. Über die Buchgrenze hinweg findet sich mit saw-037 (Sabina Welserin, ebenfalls Augsburg, 1553) ein Rezept derselben Gerichtsfamilie, das statt reinem Ei zusätzlich geriebene Semmel und Milch verwendet - gleiches Grundprodukt, andere Bindung.

Gerührte Eier als Garzustand.

„Mach gleych wie ein geryette ayr“ - das Rezept beschreibt den Garpunkt nicht über eine Zeit, sondern über den Vergleich mit gerührten Eiern: locker gestockt, nicht flüssig, nicht braun angebraten. Für die Zeit ist das eine ungewöhnlich präzise Angabe.

Praxis.

Hirn waschen und mit Eiern zu einer dünnflüssigen Masse verquirlen. Schmalz in der Pfanne heiß werden lassen, die Hirn-Ei-Masse einschütten und unter Rühren stocken lassen wie Rührei - erst danach Zimt, Muskatnuss und Safran unterrühren, damit die Gewürze nicht verbrennen und der Safran seine Farbe behält. Hirn ist hochverderblich und braucht eine durchgehende Kühlkette bis zur Verarbeitung; im Marktlager ohne Kühlmöglichkeit ist das ein Beschaffungs-, kein Zubereitungsproblem - die Zubereitung selbst ist einfach und feuertauglich.

Wo bekomme ich Hirn?

Hirn ist heute eine selten angebotene Zutat, aber bei gut sortierten Metzgern oder auf Vorbestellung erhältlich. Achte auf frische Ware und eine lückenlose Kühlkette.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Ochsen- oder Kalbshirn ist heute kaum zu bekommen - schon daran scheitert das Rezept für die Lagerküche.

Was bedeutet 'geryette ayr' im Rezept?

‚Geryette ayr‘ bedeutet ‚gerührte Eier‘. Die Anweisung besagt, dass das Hirnmus eine ähnliche, lockere Konsistenz wie Rührei haben soll.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Philippine Welser“ (Augsburg / Tirol). Hausbuch aus dem Augsburger Welser-Patriziat, benannt nach Philippine Welser (1527-1580), der späteren Gemahlin Erzherzog Ferdinands II. Geschrieben haben es drei Hände; Gerold Hayer hält es für wahrscheinlich, dass die Mutter Anna Welser der heiratsfähigen Tochter ein Buch mit Familien- und Hausrezepten mitgeben wollte. Ein Datum trägt die Handschrift nicht, das Wasserzeichen weist nach Augsburg 1543/44. Mit nur 41 Fleischgerichten unter 245 Rezepten (Zählung Gerold Hayers) ist die Sammlung beinahe eine Spezialsammlung für Fastenspeisen - und das älteste der vier Augsburger Kochbücher dieses Bestands, neun Jahre vor Sabina Welserin.

wilt du ain hiren muß machenn so nim ain hiren von ainen ochsen oder kalb vnd wesch sauber ab vnd daus jn ain schisel vnd machs mit ayren an das din wertt vnd las ain schmaltz hays werden jn ainer pfanen vnd schit dis hiren dar ein mach gleych wie ein geryette ayr dau rerlach musgatt nus vnd safern dar ein
rerlach

Zimtstangen, gestoßen. Im Buch durchgängig so aufgelöst, u. a. in phw-010, phw-024 und phw-041.

musgatt nus

Muskatnuss. Ein beliebtes Gewürz der Zeit.

safern

Safran. Ein teures Gewürz, das Speisen gelb färbt und einen feinen Geschmack verleiht.

geryette ayr

Gerührte Eier. Die Konsistenz des Hirnmuses soll der von Rührei ähneln - so auch bei phw-016 und phw-135 im Buch aufgelöst.

Handschrift
Das Kochbuch der Philippine Welser
Folio
Fol. 078r
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch-augsburgisch, Nachträge mit tirolisch-bairischen Zügen, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg / Tirol, 1543

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

ayrenchicken egg Q15260613
schmaltzanimal fat Q1423543
rerlachcinnamon Q28165
musgatt nusnutmeg Q83165
safernsaffron Q25434

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartdaus

Gewählte Lesart: ‚Gib es hinein‘ - deckt sich mit der Deutung von ‚daus‘/‚dau‘ als Imperativ von ‚tuon‘ mit angehängtem ‚es‘ (‚tu es‘), belegt im selben Buch bei phw-012 (‚dau fil zucker dar ein‘ -> ‚Gib viel Zucker hinzu‘; ‚so daus auff ain bladt‘ -> ‚gieße es auf eine Platte‘).

Lesartgeryette ayr

Gewählte Lesart: ‚Gerührte Eier‘ - die Lesart orientiert sich an der kulinarisch plausiblen Zubereitungsart von Hirn, das oft wie Rührei zubereitet wird, und ist buchintern durch phw-016 und phw-135 gestützt.

Andere mögliche Lesart:

  • Das MHDBDB-Lemma ‚rîten‘ (reiten) ist hier nicht passend. - Alle MHDBDB-Belege zu ‚rîten‘/‚geriten‘ stehen in Reit-/Pferdekontext, keiner in einem kulinarischen. Die Lesart ‚gerührte Eier‘ ist durch den Zubereitungskontext und zwei weitere Buchstellen gestützt.

Originalwerk (~1543) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 078r - Digitale Rekonstruktion: Originalschriftbild aus der Faksimile-Ausgabe (Edition Leipzig 1983), übertragen auf einen Hintergrund, der dem Originaleinband entspricht. Handschrift: Schloß Ambras bei Innsbruck, PA 1473 (Kunsthistorisches Museum Wien)
Transkription
Eigene Segmentierung der Faksimile-Ausgabe Edition Leipzig 1983 (Transkription Gerold Hayer) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/phw-156
LagerkücheLagerküche
Nein: Ochsen- oder Kalbshirn ist heute kaum zu bekommen - schon daran scheitert das Rezept für die Lagerküche.
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Stand dieser Fassung: 25.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.