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Mandelkrapfen

Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen · Augsburg · 1554

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9.3/10
Zubereitungszeit45 Min.Portionen4-6 PersonenBuchDas Kochbuch der Maria Stenglerin (~1554)

Nimm Mandeln und stoße sie klein. Gib dann Eier, Malvasier und Rosenwasser dazu, und ein wenig Knochenmark. Füge Zucker und gestoßenen Zimt hinzu und bereite einen Teig mit Eiern und Mehl. Forme den Teig wie einen Krapfen und backe ihn in einer Backform.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
mandel ſtoſs klain Gemahlene Mandeln - Supermarkt (Backregal) Ganze Mandeln im Blender kurz zermahlen
ayr Eier - - -
malfaſier Malvasier (Süßwein) - gut sortierter Supermarkt, Weinhandel süßer Weißwein (z.B. Muskateller, Gewürztraminer)
roſenwaſſer Rosenwasser - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel -
ain wenig ain marckt Ein wenig Knochenmark - Metzger Butter oder Pflanzenfett für vegane/vegetarische Variante
zucker Zucker - - -
rerla Gestoßene Zimtstangen - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel -
mel Mehl - - -

Welches Gericht ist das? Ein mit gestoßenen Mandeln angereicherter Ei-Mehl-Teig, mit Rosenwasser, Malvasierwein, Zimt, Zucker und etwas Knochenmark gewürzt, zu Krapfen geformt und in einer Tortenpfanne gebacken. Die Korpus-Zwillinge Mandelkrapfen zum Backen (wo10-106) und Gute Mandelkrapfen (std-254) zeigen dieselbe Grundidee mit weniger Zutaten, wickeln die Mandelmasse aber in einen separat ausgerollten Teig, statt sie wie hier direkt in einen Ei-Mehl-Teig einzuarbeiten. In der lebenden Küche entspricht das den heutigen Mandelkrapfen und den rheinischen Mutzenmandeln.

Die Tortenpfanne. Das Verb ‚pachs‘ (backen) spricht für eine flache Backform, die im Ofen oder in Herdglut verwendet wurde, nicht für eine Fritteuse. Ganz sicher lässt sich das nicht klären: Krapfen wurden in anderen Rezepten auch in Fett ausgebacken, und eine Tortenpfanne konnte je nach Kontext beides sein.

Praxis. Mandeln fein stoßen, mit Eiern, Malvasierwein (ersatzweise ein süßer Weißwein), Rosenwasser und etwas Knochenmark (ersatzweise Butter) verrühren. Zucker und gestoßenen Zimt einarbeiten, dann mit weiteren Eiern und Mehl zu einem festen Teig verkneten. Zu Krapfen formen und in einer gefetteten Backform bei moderater Ofenhitze (ca. 170-180°C) 20 bis 30 Minuten backen, bis sie goldbraun sind.

Was ist ‚malfaſier‘?

‚Malfaſier‘ ist eine Schreibvariante von ‚Malvasier‘, einem süßen Wein aus dem Mittelmeerraum. Das Wort begegnet auch in weiteren Rezepten des Buches (mst-005, mst-038, mst-064), wo es durchgängig als Malvasier(wein) übersetzt wird, und Wörterbücher bestätigen dieselbe Lesart. Im Teig ergänzt der Wein Eier und Rosenwasser als Flüssigkeits- und Aromazutat - eine zweite Mehlzutat wäre neben dem später eigens genannten ‚mel‘ auch redundant.

Welche Art von ‚Markt‘ ist hier gemeint?

Mit ‚Markt‘ ist hier Knochenmark gemeint, eine im Buch mehrfach belegte Zutat (etwa in mst-001, mst-036, mst-044, mst-061), die Süßspeisen Fett und Reichtum verlieh.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Eingeschränkt geeignet. Das Backen des Teigs in der Tortenpfanne braucht Glut oder einen Dutch Oven mit genauer Hitzekontrolle - vergleichbar den Zwillingsrezepten wo10-106 und std-254. Das verwendete Knochenmark sollte zudem gekühlt transportiert werden.

Was ist eine ‚Tortenpfanne‘?

Eine ‚Tortenpfanne‘ war im Mittelalter eine vielseitige, flache Backform oder Pfanne. Sie konnte sowohl im Backofen als auch direkt auf dem Herd oder über der Glut zum Backen oder Braten von flachen Kuchen, Pasteten oder Krapfen verwendet werden.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Maria Stenglerin“. Kochbuch mit Besitzvermerk „Das Kochbuoch Gehört der Junckfraw Maria Stenglerin zu. 1554." Die Originalhandschrift gilt als unauffindbar - weder Thomas Glonings eigene Bibliographie (germcook.pdf) noch der Handschriftencensus noch Wikidata nennen eine Bibliothek oder Signatur, obwohl Glonings Liste bei anderen Handschriften-Kochbüchern die Signatur durchgängig mitführt. Verfügbar ist nur ein 1886 gedruckter Neudruck (Augsburg: Gebr. Reichel, 20 Bl., Fraktur-Neusatz mit Faksimile-Titelblatt der Besitzinschrift), digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek. Medium ist deshalb als "druck" gesetzt - Eigenschaft des tatsächlich erhaltenen Exemplars, nicht des verlorenen Originals. Ein Jahr vor Sabina Welserins Kochbuch (saw-*, ebenfalls Augsburg, Handschrift dort bekannt: Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 4° Cod 137) entstanden - starker Twin-Kandidat fürs Review. Eine weitere, grundsätzliche Unsicherheit bleibt: Da die Handschrift verschollen ist, lässt sich bei ungeklärten Hapax-Wörtern (z.B. mst-136 "Fiſchpersperlin", mst-137 "ſechdiſtel") nicht mehr feststellen, ob ein Fehler schon in der Handschrift selbst stand, beim Lesen durch den Herausgeber 1886 entstand oder beim Neusatz - anders als bei reinen OCR-Fehlern lässt sich das nicht gegen ein Referenzbild prüfen. Lesungen bei unbelegten Hapax sollten deshalb als Konjektur markiert bleiben, nicht stillschweigend geglättet werden.

Ain Manndelkrapffen. Item nimb mandel ſtoſs klain, thu dann ayr malfaſier vnnd roſenwaſſer daran, vnd ain wenig ain marckt, vnnd zucker vund rerla mach ain Taig mit ayren, vnnd mel, machs wie ain krapffen, pachs inn ainer Tordten pfanne.
malfaſier

‚Malfaſier‘ ist eine Schreibvariante von ‚Malvasier‘, einem importierten Süßwein aus dem Mittelmeerraum. Lexer, Grimm/DWB und das Frühneuhochdeutsche Wörterbuch lösen ‚malfasier‘ übereinstimmend als Verweisform auf ‚malvasier‘ auf; im selben Buch begegnet das Wort in mst-005, mst-038 und mst-064 mit derselben Übersetzung.

rerla

‚Rerla‘ oder ‚Röhrlein‘ bezeichnete im Frühneuhochdeutschen Zimtstangen, die in gerollter Form gehandelt wurden. Hier sind gestoßene Zimtstangen gemeint, wie in den übrigen Rezepten des Buches (etwa mst-002, mst-051, mst-055).

marckt

Knochenmark war im Mittelalter eine beliebte Zutat für Süßspeisen, um ihnen Reichtum und Geschmack zu verleihen.

Tordten pfanne

Eine Tortenpfanne war eine flache Pfanne oder Backform, die sowohl zum Backen im Ofen als auch zum Braten auf dem Herd verwendet werden konnte.

Druck
Augspurger Kochbuoch, worinnen enthalten fürtreffliche Rezepte für Frawen & Junckfrawen
Teil
Gebäck
Sprache
Frühneuhochdeutsch (schwäbisch/augsburgisch, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg, 1554
Neudruck
1886 (Originalhandschrift verschollen)

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

mandel ſtoſs klainalmond Q184357
ayrchicken egg Q15260613
malfaſiermalvasia Q1165349
roſenwaſſerrose water Q900450
zuckerunrefined cane sugar Q57656231
rerlacinnamon Q28165
melflour Q36465

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartTordten pfanne

Gewählte Lesart: Backform. Das Verb ‚pachs‘ (backe es) deutet auf das Backen in einem Ofen oder einer ähnlichen Hitzequelle hin, wofür eine Backform geeignet wäre.

Andere mögliche Lesart:

  • Pfanne (zum Frittieren). - Krapfen werden traditionell frittiert. Eine ‚Tortenpfanne‘ könnte auch eine flache Pfanne sein, die zum Ausbacken in Fett verwendet wurde, auch wenn das Verb ‚backen‘ eher auf Ofenhitze hindeutet.

LesartBackdauer und -temperatur

Gewählte Lesart: Moderater Ofen (ca. 170-180°C), 20-30 Minuten, bis die Krapfen goldbraun sind - eine praktikable moderne Umsetzung, da das Transkript selbst nur ‚pachs‘ (backen) nennt.

Andere mögliche Lesart:

  • Backen in Ofen- oder Herdglut-Resthitze, Garzustand nach Augenschein. - Das Transkript nennt weder Zeit noch Temperatur - die historische Praxis richtete sich nach der verfügbaren Resthitze und dem sichtbaren Garzustand, nicht nach festen Werten.

Originalwerk (~1554) gemeinfrei.

Bildquelle
Seite 027, München, Bayerische Staatsbibliothek, 4 Oecon. 207 h (bsb00076173) - CC BY-NC-SA 4.0 Quelle öffnen
Transkription
Bayerische Staatsbibliothek (MDZ), Digitalisat des Neudrucks 1886 - kein Bibliotheks-OCR vorhanden (api.digitale-sammlungen.de/ocr/bsb00076173 liefert 404), eigenes Kraken-OCR nötig Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
LagerkücheLagerküche
Eingeschränkt (Backen): Der Teig muss in einer Tortenpfanne gebacken werden ("pachs inn ainer Tordten pfanne") - das braucht Glut oder einen Dutch Oven mit genauer Hitzekontrolle, ähnlich den Zwillingsrezepten wo10-106 und std-254. Das enthaltene Knochenmark ist zudem kühlbedürftig.
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Stand dieser Fassung: 15.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.