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Kapaun-Pastete mit Eigelb und Weinbeeren

Das Kochbuch der Philippine Welser · Augsburg / Tirol · 1543

GeflügelHauptspeise · GeflügelLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit120 Min.Portionen4-6 PersonenBuchDas Kochbuch der Philippine Welser (~1543)

Willst du eine Kapaun-Pastete zubereiten, so bereite die Pastetenhülle, wie du weißt.

Nimm den Kapaun, reinige ihn gut und brühe ihn kurz ab, nicht zu lange. Nimm ihn danach und hacke ihm den Hals und die Füße ab. Wenn du ihn zerteilen willst, so schneide ihn doch nicht ganz durch.

Würze ihn gut mit Pfeffer, Ingwer, nicht zu viel Muskatblüte und ein wenig Nelken und Zimt. Lege ihn in die Pastetenhülle und den Hals und die Füße dazu. Lege das Eigelb von hartgekochten Eiern dazu, sowie Weinbeeren.

Nimm Kapaunfett oder Knochenmark und lege es auch hinein. Streue die übrigen Gewürze oben darauf und etwas Zucker und vergiss das Salz nicht. Verschließe die Pastete und lasse sie gemächlich backen und bestreiche sie überall gut mit Ei.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
koponen Kapaun - Metzger, Geflügelhändler großes Huhn oder Pute
pfefer Pfeffer - - -
imber Ingwer - - -
mußgattblye Muskatblüte - gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel -
negalin Nelken - - -
rerla Zimt - - -
den hals Hals vom Kapaun - - -
die fyes Füße vom Kapaun - - -
das gelb von hertten ayren Eigelb von hartgekochten Eiern - - -
wein berlach Weinbeeren (Rosinen) - - -
koponen faystenn Kapaunfett - Metzger Gänseschmalz
marckt Knochenmark - Metzger -
zucker Zucker - - -
saltzs Salz - - -
ay Ei zum Bestreichen - - -

Welches Gericht ist das? Ein weitgehend im Ganzen belassener Kapaun - nur Hals und Füße werden abgetrennt - wird gewürzt in eine geschlossene Teighülle gelegt, mit Eigelb, Kapaunfett oder Knochenmark und Weinbeeren gefüllt und darin gebacken. Fleisch, Trockenfrucht und Zucker in einer geschlossenen Teighülle stehen in derselben Verfahrenslinie wie die spätere englische Mince Pie, die bis ins 19. Jahrhundert selbst noch Fleisch enthielt, und allgemeiner in der Familie der raised pies.

Die Wendung wein berlach ist an mehreren Stellen desselben Buchs belegt und bezeichnet dort durchgängig Weinbeeren (Rosinen), nicht Wein und ein eigenständiges zweites Gewürz - so auch hier.

Für den Begriff Hafen folgt diese Übersetzung der wortgleichen Anleitung im unmittelbar benachbarten Rezept: dort wie hier bezeichnet er die Teighülle selbst, die vorbereitet wird, bevor der Kapaun hineingelegt wird - der abschließende Eibestrich passt zu dieser Lesart als Gebäckhülle.

Die Anweisung, den Kapaun einzuschneiden, ohne ihn ganz durchzuschneiden, ist im zugrundeliegenden Verb nicht restlos geklärt: dieselbe Wortform kommt an anderer Stelle im Buch in einem Zusammenhang vor, der eher zu "gerinnen, fest werden" passt als zu "zerteilen". Welche Bedeutung hier tatsächlich gemeint ist, bleibt offen.

Praxis. Kapaun brühen (kurz, nicht durchgaren), Hals und Füße abtrennen, den Rumpf einschneiden, ohne ihn ganz zu durchtrennen, und flach in die vorbereitete Teighülle legen. Mit Pfeffer, Ingwer, wenig Muskatblüte, wenig Nelken und Zimt würzen, Hals und Füße dazulegen, Eigelb hartgekochter Eier und Weinbeeren einlegen, Kapaunfett oder Knochenmark dazugeben, restliches Gewürz und etwas Zucker darüberstreuen, salzen, verschließen und rundum mit Ei bestreichen. Der Text nennt weder Backzeit noch -temperatur; im vorgeheizten Ofen bei moderater Hitze (etwa 170-180 °C) backen, bis die Kruste goldbraun ist und die Kerntemperatur des Kapaunfleischs mindestens 74 °C erreicht - bei einem ganzen, dick eingeschlossenen Vogel reicht die Krustenfarbe allein nicht als Garprobe.

Was ist ein Kapaun und wo bekomme ich ihn?

Ein Kapaun ist ein kastrierter Masthahn, dessen Fleisch besonders zart und fettreich ist. Er war eine Luxuszutat der mittelalterlichen Küche. Heute ist er seltener, aber bei spezialisierten Metzgern oder Geflügelhändlern erhältlich. Alternativ kann ein großes, gut gemästetes Huhn oder eine Pute verwendet werden.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Eingeschränkt (Equipment). Eine ganze, roh gefüllte Pastete braucht über rund zwei Stunden gleichmäßig kontrollierbare, moderate Hitze von allen Seiten - an einer offenen Feuerstelle ohne Ofen oder einen gut abgedeckten Dutch Oven mit Auflage-Glut kaum zuverlässig zu steuern. Die Zutaten selbst sind lagerfest, die Zubereitung der Pastete ist aber anspruchsvoll für eine offene Feuerstelle.

Was bedeutet ‚gerenn‘ im Rezept?

Das Wort ‚gerenn‘ ist in diesem Zusammenhang nicht eindeutig geklärt. Die Formulierung „wenn du ihn ... willst, so schneide ihn doch nicht ganz durch“ liest sich am ehesten als Anweisung zum Einschneiden, ohne den Vogel ganz zu zerteilen. Dieselbe Wortform kommt an anderer Stelle im Buch in einem Zusammenhang vor, der eher zu „gerinnen, fest werden“ passt - welche der beiden Bedeutungen hier tatsächlich gemeint ist, lässt sich nicht sicher entscheiden.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Philippine Welser“ (Augsburg / Tirol). Hausbuch aus dem Augsburger Welser-Patriziat, benannt nach Philippine Welser (1527-1580), der späteren Gemahlin Erzherzog Ferdinands II. Geschrieben haben es drei Hände; Gerold Hayer hält es für wahrscheinlich, dass die Mutter Anna Welser der heiratsfähigen Tochter ein Buch mit Familien- und Hausrezepten mitgeben wollte. Ein Datum trägt die Handschrift nicht, das Wasserzeichen weist nach Augsburg 1543/44. Mit nur 41 Fleischgerichten unter 245 Rezepten (Zählung Gerold Hayers) ist die Sammlung beinahe eine Spezialsammlung für Fastenspeisen - und das älteste der vier Augsburger Kochbücher dieses Bestands, neun Jahre vor Sabina Welserin.

wilt du ain koponen bastetenn machenn so mach du den hafen wie du wayst nim den koponen seyber jn wol vnd er wel jn ain wenig nit lang nim jn dar nach vnd hack jm den hals ab vnnd die fyes wylt du gerenn so er schneyt jn doch nit durch vnnd gwirtzs jn wol mit pfefer imber mit mußgattblye nit fyl vnd ain wenig negalin vnnd rerla leg jn jn haffen vnnd den hals vnnd die fyes dar zu vnd leg das gelb von hertten ayren dar zu vnnd wein berlach vnnd nim ain koponen faystenn oder marckt vnnd legs auch dar ein vnd dau das yber plibe gwirtzs oben dar auf vnd ain zucker vnd ver gis das saltzs nit vnd machß zu vnd las gemach bachen vnd besalbs mit ay yber All wol b
koponen

Ein Kapaun ist ein kastrierter Masthahn, dessen Fleisch besonders zart und fettreich ist. Er galt als Delikatesse der gehobenen Küche.

bastetenn

Eine Pastete ist ein Gericht, das in einer Teighülle gebacken wird. Die Hülle dient sowohl als Garform als auch als essbare Verpackung.

hafen

Im Kontext dieser Pastete bezeichnet "Hafen" die Teighülle selbst, die "wie gewohnt" vorbereitet wird - dieselbe Formel findet sich wortgleich im unmittelbar benachbarten Rezept.

er wel

‚Erwellen‘ bedeutet hier, etwas kurz in heißem Wasser abzubrühen oder zu blanchieren, um es vorzugaren oder zu reinigen.

wein berlach

Eine im Buch feststehende Wendung für Weinbeeren (Rosinen) - an mehreren anderen Stellen desselben Buchs wird sie ebenso aufgelöst.

mußgattblye

Muskatblüte, auch Macis genannt, ist der getrocknete Samenmantel der Muskatnuss. Sie hat ein feineres, leicht blumigeres Aroma als die Nuss selbst.

negalin

Nägelein sind Gewürznelken, die getrockneten Blütenknospen des Nelkenbaums. Sie werden oft in kleinen Mengen verwendet, um Gerichten eine würzige, leicht scharfe Note zu verleihen.

rerla

Zimt, ein beliebtes Gewürz, das aus der Rinde des Zimtbaums gewonnen wird. Es wurde oft in herzhaften Gerichten verwendet.

marckt

Knochenmark, das weiche, fettreiche Gewebe aus den Knochen von Tieren. Es wurde als Geschmacksträger und Bindemittel verwendet.

Handschrift
Das Kochbuch der Philippine Welser
Folio
Fol. 028v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch-augsburgisch, Nachträge mit tirolisch-bairischen Zügen, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg / Tirol, 1543

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

koponencapon Q594676
pfeferpepper Q3143131
imberginger Q15046077
mußgattblyemace Q1882876
negalinclove Q15622897
rerlacinnamon Q28165
das gelb von hertten ayrenyolk Q16336079
zuckerunrefined cane sugar Q57656231
saltzstable salt Q11254
aychicken egg Q15260613

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesartkoponen

Gewählte Lesart: Kapaun. Dies ist eine dialektale Schreibweise für Kapaun, einen kastrierten Masthahn.

Lesartgerenn

Gewählte Lesart: Zerteilen/Einschneiden. Die Formulierung ‚wylt du gerenn so er schneyt jn doch nit durch‘ wird als ‚wenn du ihn zerteilen willst, so schneide ihn doch nicht ganz durch‘ verstanden - eine plausible Deutung aus dem Satzzusammenhang der Vorbereitung des Vogels für die Teighülle, aber nicht durch ein Wörterbuch direkt belegt.

Andere mögliche Lesart:

  • Gerinnen/Fest werden. Dieselbe Wortform kommt in einem anderen Rezept desselben Buchs in einem Satzzusammenhang vor, der eher zu dieser Bedeutung passt. - Ob es sich um dasselbe Verb handelt wie an jener anderen Stelle oder um ein anderes Wort, ist nicht geklärt; beide Lesarten bleiben möglich.

Lesartgwirtzs

Gewählte Lesart: Würze es. Dies ist eine dialektale Form des Verbs ‚würzen‘ im Imperativ.

Lesartmußgattblye

Gewählte Lesart: Muskatblüte. Dies ist eine dialektale Schreibweise für Muskatblüte (Macis).

Lesartnegalin

Gewählte Lesart: Nelken. Dies ist eine dialektale Schreibweise für Gewürznelken (Nägelein).

Lesarthafen

Gewählte Lesart: Wörtlich Topf/Gefäß, hier aber die aus Teig geformte Hülle der Pastete, die vorbereitet wird, bevor der Kapaun hineingelegt wird. Das Buch lehrt diesen „bastetten hefen“ kurz zuvor eigens als freistehenden Teig aus Mehl, Ei und Schmalz (phw-056); der zeitgleiche Wolfenbütteler Text (wo10-051) formt ihn ausdrücklich aus dem Teig („mach ein runden hafen sampt der deckin“).

Andere mögliche Lesart:

  • Kochgefäß aus Ton oder Metall. - Das ist die Grundbedeutung des Wortes (‚irdener Topf, Krug‘). Dagegen sprechen der Rückverweis „wie du weißt“ auf die Hafen-Anleitung des Buchs und der abschließende Eistrich „überall“, der nur auf einer Teigkruste Sinn ergibt.

Lesartlas gemach bachen

Gewählte Lesart: Schonend/langsam backen lassen, ohne Zeit- oder Temperaturangabe.

Andere mögliche Lesart:

  • Der historische Koch verließ sich auf Erfahrungswissen (Krustenfarbe, Backzeit nach Augenmaß) ohne Kerntemperaturmessung. - Der Text nennt keinen Garzustands-Indikator für das rohe Kapaunfleisch im Inneren der Teighülle; die moderne Praxisempfehlung mit Kerntemperaturkontrolle ergänzt eine Sicherheitsmaßnahme, die im historischen Text fehlt, ohne den Wortlaut selbst zu ändern.

Lesartbesalbs

Gewählte Lesart: Bestreiche es. Dies ist eine dialektale Form des Verbs ‚besalben‘, hier im Sinne von ‚bestreichen‘ oder ‚bepinseln‘ mit Ei.

Originalwerk (~1543) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 028v - Digitale Rekonstruktion: Originalschriftbild aus der Faksimile-Ausgabe (Edition Leipzig 1983), übertragen auf einen Hintergrund, der dem Originaleinband entspricht. Handschrift: Schloß Ambras bei Innsbruck, PA 1473 (Kunsthistorisches Museum Wien)
Transkription
Eigene Segmentierung der Faksimile-Ausgabe Edition Leipzig 1983 (Transkription Gerold Hayer) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/phw-058
LagerkücheLagerküche
Eingeschränkt (Equipment): Eine ganze, roh gefüllte Pastete braucht über rund zwei Stunden gleichmäßig kontrollierbare, moderate Hitze von allen Seiten - an einer offenen Feuerstelle ohne Ofen oder einen gut abgedeckten Dutch Oven mit Auflage-Glut praktisch nicht zuverlässig zu steuern. Die Zutaten selbst (Fett/Mark, Gewürze, hartgekochte Eier) sind lagerfest; das Nadelöhr ist die Gartechnik, nicht die Haltbarkeit.
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Stand dieser Fassung: 22.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.