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Oblaten-Gebäck mit Latwerge und Weichsel-Sülze

Das Kochbuch der Philippine Welser · Augsburg / Tirol · 1543

DessertNachspeiseLagerkücheLagerküche-tauglichMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeit90 Min.Portionen4-6 PersonenBuchDas Kochbuch der Philippine Welser (~1543)

Willst du ein Oblaten-Gebäck aus Latwerge zubereiten:

Nimm Latwerge und zerschneide sie weich in einen guten Wein. Gib ein wenig Weichsel-Sülze, dazu Zucker, Zimt und Ingwer hinein. Stoße oder treibe es gut durcheinander.

Mache es fein. Streiche es auf die Oblate. Tunke es in ein gelbes Teiglein und backe es knusprig ab. Es ist gesund und gut.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
lattwery Latwerge - gut sortierter Supermarkt, Reformhaus (als Fruchtmus) selbstgemachtes dickes Fruchtmus (z.B. Pflaumenmus)
gutten wein guter Wein - - -
weyxel seltz ein wenig Weichsel-Sülze - gut sortierter Supermarkt, Reformhaus (als Sauerkirschmus) Sauerkirschmus
zucker Zucker - - -
rerla Zimt - - -
jmber Ingwer - - -
man datten die Oblate - Backregal im Supermarkt (dünne Oblaten, z.B. Lebkuchen-Oblaten) -
gelbss dayglin ein gelbes Teiglein - - einfacher Mürbeteig mit Eigelb oder Safran gefärbt

Welches Gericht ist das? Kein Marzipangebäck, sondern ein mit gewürzter Latwerge und Weichsel-Sülze gefülltes Oblatengebäck: Die Fruchtmasse wird auf eine Oblate gestrichen, in ein gelb gefärbtes Teiglein getunkt und knusprig gebacken - näher am Krapfen- oder Beignet-Prinzip als an einer Marzipantorte. Vier Rezepte aus anderen Büchern des Korpus (wo10-092, wo10-093, saw-143, saw-147) beschreiben dieselbe Konstruktion aus Oblaten, Fruchtfüllung und gelbem Tunkteig, und dieses Buch selbst hält an anderer Stelle (phw-006) fest: Für Oblaten hat es eigene Wörter, „albotte“ und „mandatte“, getrennt von Mandel oder Marzipan.

„Man datten“. Der Begriff wurde bislang als Marzipan-Basis gelesen, obwohl im Text an keiner Stelle Mandeln vorkommen. „Mandatte(n)/man datt“ ist im zeitgenössischen Wörterverzeichnis zu diesem Buch eindeutig als Oblate verzeichnet, und dieselbe Auflösung gilt bereits in den veröffentlichten Nachbarrezepten dieser Serie. Die gewürzte Fruchtpaste kommt also auf eine Oblate, nicht auf eine Mandelmasse.

„An erter“. Bislang mit „am Boden“ übersetzt - dafür gibt der Text keine Stütze. Dasselbe Wörterverzeichnis führt „erder/ertter“ als „Spitze, Ende, Rand“, was eher auf die Ränder der Oblate beim Tunken deutet als auf einen Boden. Ganz sicher ist das nicht, die Stelle bleibt eine offene Wortcrux.

Praxis. Latwerge weich in einen guten Wein einrühren, Weichsel-Sülze, Zucker, Zimt und Ingwer dazugeben und alles fein und glatt verrühren - die Masse ist an dieser Stelle noch roh, knusprig wird sie erst beim Backen. Auf eine Oblate streichen, in ein dünnes gelbes Teiglein tunken und knusprig backen: im heutigen Haushalt gelingt das gut im Ofen bei moderater Hitze. Mit fertiger Latwerge und Weichsel-Sülze aus dem Reformhaus ist das ganze Rezept in gut einer halben Stunde umzusetzen.

Was ist Latwerge und Weichsel-Sülze?

Latwerge ist eine dicke Fruchtpaste, die durch langes Einkochen von Früchten mit Zucker oder Honig entsteht. Weichsel-Sülze ist eine ähnliche Zubereitung, speziell aus Sauerkirschen (Weichseln). Beide dienten als Süßspeise oder Brotaufstrich.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche geeignet?

Ja, mit fertigen Zutaten gut machbar: Latwerge, Weichsel-Sülze und Oblaten müssen nicht selbst hergestellt werden. Anrühren, auf die Oblate streichen, in das gelbe Teiglein tunken und in einer Pfanne mit Glut knusprig backen lässt sich auch unterwegs gut umsetzen.

Was bedeutet 'Mandattenn' und 'gelbss dayglin'?

'Mandattenn' ist in diesem Kochbuch das eigene Wort für Oblate, nicht für eine Marzipan- oder Mandelmasse. Ein 'gelbes Teiglein' ist ein kleiner, gelb gefärbter Teig, in den die gefüllte Oblate getunkt wird, bevor sie gebacken wird. Die gelbe Farbe wurde oft durch Eigelb oder Safran erzielt.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Das Kochbuch der Philippine Welser“ (Augsburg / Tirol). Hausbuch aus dem Augsburger Welser-Patriziat, benannt nach Philippine Welser (1527-1580), der späteren Gemahlin Erzherzog Ferdinands II. Geschrieben haben es drei Hände; Gerold Hayer hält es für wahrscheinlich, dass die Mutter Anna Welser der heiratsfähigen Tochter ein Buch mit Familien- und Hausrezepten mitgeben wollte. Ein Datum trägt die Handschrift nicht, das Wasserzeichen weist nach Augsburg 1543/44. Mit nur 41 Fleischgerichten unter 245 Rezepten (Zählung Gerold Hayers) ist die Sammlung beinahe eine Spezialsammlung für Fastenspeisen - und das älteste der vier Augsburger Kochbücher dieses Bestands, neun Jahre vor Sabina Welserin.

wilt du ain mandattenn baches machenn aus latt wery so nim lattwery erschneytz waychs ein ain gutten wein nim ain wenig weyxel seltz dar an dau zucker rerla vnd jmber dar ein stays oder dreybs wol durch ain ander machs fein res streychs auf die man datten dunck jn ain gelbss dayglin an erter vnd bachs resch her ab es ist gesundt vnd gout
lattwery

Latwerge ist eine dicke, oft süße Fruchtpaste oder ein Mus, das durch Einkochen von Früchten mit Zucker oder Honig hergestellt wird. Sie diente als Brotaufstrich oder Süßspeise.

weyxel seltz

Weichsel-Sülze ist ein Mus oder eine Paste aus Sauerkirschen (Weichseln), ähnlich der Latwerge. Der Begriff ‚Sülze‘ bezeichnet hier eine eingekochte Fruchtzubereitung, nicht eine Fleischsülze.

rerla

Zimt, hier wahrscheinlich in gemahlener Form.

jmber

Ingwer, hier wahrscheinlich in gemahlener Form.

man datten

„Man datten“ (auch „mandatte“, „mantatte“) ist in diesem Kochbuch das eigene Wort für Oblate, neben dem verwandten „albotte“ - nicht für Marzipan oder Mandelmasse. Dieselbe Auflösung gilt in den Nachbarrezepten dieser Reihe.

gelbss dayglin

Ein kleines, gelb gefärbtes Teiglein, das als Hülle oder Unterlage für das Gebäck dient. Die gelbe Farbe könnte von Safran oder Eigelb stammen.

Handschrift
Das Kochbuch der Philippine Welser
Folio
Fol. 046v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (ostschwäbisch-augsburgisch, Nachträge mit tirolisch-bairischen Zügen, Mitte 16. Jh.)
Entstehung
Augsburg / Tirol, 1543

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

gutten weinwine Q282
zuckerunrefined cane sugar Q57656231
rerlacinnamon Q28165
jmberginger Q15046077

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesarterschneytz

Gewählte Lesart: Zerschneide.

Andere mögliche Lesart:

  • Schneide auf oder schneide heraus. - ‚Zerschneiden‘ passt besser zur Vorbereitung einer Paste, die weiterverarbeitet wird.

Lesartdreybs

Gewählte Lesart: Treibe es (im Sinne von durchrühren/passieren).

Andere mögliche Lesart:

  • Schwenke es. - ‚Durch ain ander‘ deutet auf ein gründliches Vermischen oder Passieren der Zutaten hin, was besser zu ‚treiben‘ passt als zu ‚schwenken‘.

Lesartdayglin

Gewählte Lesart: Teiglein (kleiner Teig).

Andere mögliche Lesart:

  • Täfelchen. - ‚Täfelchen‘ wird in diesem Buch mit ‚Zelltl‘ bezeichnet. ‚Dayglin‘ ist ein Diminutiv von Teig und passt für eine kleine Teighülle.

Lesartan erter

Gewählte Lesart: Unklar - vermutlich am Rand/an den Kanten der Oblate, nicht am Boden.

Andere mögliche Lesart:

  • Am Boden (des Teigs/der Form). - Bisherige Lesart dieses Entwurfs. Im zeitgenössischen Wörterverzeichnis zu diesem Buch ist „erder/ertter“ jedoch als „Spitze, Ende, Rand“ verzeichnet, nicht als „Boden“ - die Stelle bleibt eine offene Wortcrux, die am Faksimile zu prüfen wäre.

Lesartmachs fein res

Gewählte Lesart: Mache es fein/glatt (bezogen auf die noch rohe Fruchtmasse).

Andere mögliche Lesart:

  • Mache es fein und knusprig. - Bisherige Lesart dieses Entwurfs. Die Masse ist an dieser Stelle noch ungebacken und kann nicht knusprig sein - möglicherweise eine vorgezogene Wiederholung des späteren ‚bachs resch‘, oder ‚res‘ meint hier etwas anderes.

Lesartbachs resch her ab

Gewählte Lesart: Im heutigen Haushalt: im Ofen bei moderater Hitze knusprig backen.

Andere mögliche Lesart:

  • Historisch eher in einer flachen Pfanne oder Tortenpfanne mit Glut, wie beim strukturell ähnlichen Nachbarrezept phw-096, und nicht zu heiß, wie es das benachbarte phw-093 für dieselbe Zubereitungsart ausdrücklich festhält. - Der Text nennt kein Backgerät; das im Korpus übliche Gerät für solches Gebäck ist die Pfanne, nicht der Ofen.

Originalwerk (~1543) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 046v - Digitale Rekonstruktion: Originalschriftbild aus der Faksimile-Ausgabe (Edition Leipzig 1983), übertragen auf einen Hintergrund, der dem Originaleinband entspricht. Handschrift: Schloß Ambras bei Innsbruck, PA 1473 (Kunsthistorisches Museum Wien)
Transkription
Eigene Segmentierung der Faksimile-Ausgabe Edition Leipzig 1983 (Transkription Gerold Hayer) Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/phw-095
LagerkücheLagerküche
Latwerge, Weichsel-Sülze und Oblaten fertig mitgeführt: anrühren, auf die Oblate streichen, in ein dünnes Teiglein tunken und in einer Pfanne mit Glut knusprig backen - gut in der Lagerküche machbar.
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Stand dieser Fassung: 22.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.