Wolfenbüttel, Herzog-August-Bibliothek, Cod. Guelf. 42.3-5. Aug. 4° · Entstehungsort unbekannt · 1543
Nimm fünf Maß guten Wein. Gib zwei ganze Ingwerwurzelstücke, vierzig Nelken, sechs Zimtröhrchen, vier Stücke Muskatblüte und zwei Hände voll Spiknarde hinzu.
Wenn du es besonders gut haben möchtest, kannst du zusätzlich zwei Muskatnüsse hineinschneiden. Lass die Mischung sechs oder sieben Wochen lang zusammenstehen. Danach brenne sie aus.
| Original | Modern | Mengenangabe | Wo kaufen | Alternative |
|---|---|---|---|---|
| 5 mass gutten wein | 5 Liter Wein | 5 l | - | - |
| 2 gantz Imber zehen | ganze Ingwerwurzelstücke | 2 | - | - |
| 40 Negelen | 40 Gewürznelken | 40 Stück | - | - |
| 6 k rorlen | Zimtstangen | 6 | gut sortierter Gewürzhandel (Zimtstangen) | - |
| 4 k muscatplue | Stücke Muskatblüte | 4 | gut sortierter Supermarkt, Online-Gewürzhandel | - |
| spicanardy 2 hend vol | 2 Hände voll Spiknarde | 2 Bund | Kräuter- und Gewürzhandel (Lavendelblüten). Sollte wider Erwarten die echte Narde gemeint sein: nur im Ayurveda-Fachhandel als Jatamansi, CITES-geschützt. | Lavendelblüten; ersatzweise Galgant oder eine Mischung aus Zimt und Nelken |
| 2 muscatnus | Muskatnüsse (optional) | 2 | - | - |
Welches Gericht ist das? Kein Trinkwein im Ansatzzustand, sondern ein gebranntes, gewürztes Destillat - ein Zwischending aus der Hippocras-Tradition (gewürzter Wein) und apothekerischen Aqua-vitae-Composita. Die Methode - Gewürze über Wochen in Wein ziehen lassen, dann brennen/konzentrieren - lebt in der Praxis heutiger Kräuterliköre und Magenbitter fort, ohne dass ein konkretes modernes Pendant im Rezept selbst benannt wäre.
Die Gewürze. Ingwer, Nelken, Zimtröhrchen, Muskatblüte und Spiknarde werden ganz bzw. stückig angesetzt, nicht gemahlen - das passt zur langen Standzeit: langsame Extraktion statt bitteres Überziehen. Die Muskatnuss ist ausdrücklich optional (so man es gar gutt will hon) - ein Luxus-Upgrade für eine reichere Fassung.
Praxis. Nach sechs bis sieben Wochen Standzeit folgt der eigentliche Brennvorgang (brenn es aus). Der Manuskripttext nennt dafür keinerlei Verfahrensdetail - weder Brenngerät noch Feuerführung noch Anzahl der Durchgänge -, das bleibt bewusst offen, statt hier ein Verfahren zu erfinden. Wer die Gewürzmischung nachvollziehen will, ohne zu brennen, lässt sie wie beschrieben im Wein ziehen und seiht danach ab - das ergibt einen Hippocras-artigen Gewürzwein, aber nicht das im Text gemeinte gebrannte Destillat.
Nein, nicht geeignet. Die Destillation erfordert eine spezielle Brennblase und Fachkenntnisse, die in einem mittelalterlichen Lager nicht zur Verfügung stehen. Das Ansetzen der Gewürze im Wein ist zwar einfach, aber der entscheidende Schritt des Ausbrennens ist im Lager nicht praktikabel.
Ein 'Maß' war ein historisches Hohlmaß, dessen Volumen regional stark variierte. Für Wein betrug es oft zwischen 1 und 1,5 Litern. Für dieses Rezept wurde eine Umrechnung von 1 Liter pro Maß angenommen.
'Brenn es aus' bedeutet, die angesetzte Gewürzweinmischung zu destillieren, um einen hochprozentigen Weingeist zu gewinnen. Dies ist ein komplexer Prozess, der eine spezielle Brennblase erfordert. Für den Hausgebrauch ist die Destillation von Alkohol in vielen Ländern illegal oder stark reguliert. Du könntest stattdessen einen gewürzten Wein (Hippocras) herstellen, indem du die Gewürze wie beschrieben ansetzt, aber den Wein nicht destillierst, sondern nach der Ziehzeit filterst und genießt.
Vermutlich brauchst du gar nichts Seltenes. „Nard“ war im Mittelalter ein Sammelbegriff, kein Artname: Schon Plinius führt ein Dutzend Pflanzen darunter auf, und die billigeren Lavendelarten wurden als Nardenware gehandelt. Dass ein Text die Zusammensetzung „spica nardi“ benutzt, entscheidet die Frage deshalb nicht. Die Forme of Cury schreibt an vergleichbarer Stelle ausdrücklich „spykenard de Spayn“, spanischen Spiknard, und meint damit sicher nicht die Himalaya-Wurzel. Der entscheidende Hinweis ist die Menge. Echte Narde (Nardostachys jatamansi) war eines der teuersten Gewürze des Mittelalters, gehandelt nach Drachmen und Quentchen; die Rezepte, die sie sicher meinen, setzen entsprechend winzige Mengen an. Hier stehen aber zwei Handvoll auf fünf Maß Wein, und das ist eine Kräuter-, keine Luxusgewürzmenge. Nimm Lavendelblüten aus dem Kräuterhandel. Falls du die echte Narde ausprobieren willst: Sie steht im Anhang II des Washingtoner Artenschutzabkommens und ist nur im Ayurveda-Fachhandel unter dem Namen Jatamansi zu bekommen, nicht im Gewürzhandel.
Dieses Rezept stammt aus dem Wolfenbüttel, Herzog-August-Bibliothek, Cod. Guelf. 42.3-5. Aug. 4° (Entstehungsort unbekannt). CoReMA-Handschrift Wo10 (Wolfenbüttel, Herzog-August-Bibliothek, Cod. Guelf. 42.3-5 Aug. 4°): "Kunst- und Artzneibuch von Ludwigen Neer zusamengetragenn. Anno 1543" - ein 1543 datiertes Kunst- und Arzneibuch mit Kochrezept-Anteil. Enthält ein gewürztes Met-Rezept ("Wie man ain Met sieden soll") mit ganzer Muskatnuss und Zimtstangen, im Wasser eingekocht und mit geläutertem Honig fertiggestellt.
Ein historisches Hohlmaß, dessen Volumen regional stark variierte. Für Wein betrug es oft etwa 1 bis 1,5 Liter.
Ingwer, eine in der mittelalterlichen Küche weit verbreitete Gewürz- und Heilpflanze.
Gewürznelken, die getrockneten Blütenknospen des Nelkenbaums, die wegen ihrer Form auch als „Nägelein“ bezeichnet wurden.
Zimtröhrchen (gerollte Zimtrinde/Zimtstangenstücke) - im wo10-Korpus mehrfach eindeutig belegt: als Kompositum „zimet=rorlen“ in wo10-006 und wo10-018, außerdem durchgängig neben Ingwer in weiteren wo10-Rezepten. Die vorangestellte Einheit „k“ bleibt unklar.
Die Muskatblüte, auch Macis genannt, ist der Samenmantel der Muskatnuss und hat ein feineres, milderes Aroma als die Nuss selbst.
„Nard“ war im Mittelalter ein Sammelbegriff, kein Artname: Schon Plinius führt ein Dutzend Pflanzen darunter auf, und die billigeren Lavendelarten wurden als Nardenware gehandelt. Dass ein Text die Zusammensetzung „spica nardi“ benutzt, entscheidet die Frage deshalb nicht. Die Forme of Cury schreibt an vergleichbarer Stelle ausdrücklich „spykenard de Spayn“, spanischen Spiknard, und meint damit sicher nicht die Himalaya-Wurzel.
Der entscheidende Hinweis ist die Menge. Echte Narde (Nardostachys jatamansi) war eines der teuersten Gewürze des Mittelalters, gehandelt nach Drachmen und Quentchen; die Rezepte, die sie sicher meinen, setzen entsprechend winzige Mengen an. Dieses Rezept verlangt aber zwei Handvoll auf fünf Maß Wein, neben 40 Nelken und zwei ganzen Ingwerzehen. Zwei Handvoll sind eine Kräutermenge, keine Luxusgewürzmenge; das spricht deutlich für eine der Lavendelarten, die unter demselben Namen gehandelt wurden, und gegen die echte Nardenwurzel. Zwingend ist der Schluss nicht, die Handschrift benennt die Pflanze nicht näher.
Dies bedeutet, die angesetzte Flüssigkeit zu destillieren, um einen hochprozentigen Weingeist oder Branntwein zu gewinnen. Dies war eine gängige Methode zur Herstellung von Likören und Arzneibranntweinen.
Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.
| 5 mass gutten wein | wine Q282 |
| 40 Negelen | clove Q15622897 |
| 6 k rorlen | cinnamon Q28165 |
| 4 k muscatplue | mace Q1882876 |
| 2 muscatnus | nutmeg Q83165 |
Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.
k (Einheit vor „rorlen“ und „muscatplue“)
Gewählte Lesart: Die Einheit „k“ bleibt unklar. Im übrigen wo10-Korpus steht vor Rorlen üblicherweise „lot“ als Mengenangabe, nicht „k“ - eine Abkürzung für „Korn“ (Stück) ist naheliegend und würde für Zimtröhrchen wie für Muskatblütenstücke gleichermaßen passen.
Andere mögliche Lesart:
Gewählte Lesart: ‘2 ganze Ingwerwurzelstücke‘ - Obwohl ‘Zehen‘ typischerweise für Knoblauch verwendet wird, ist es hier im Kontext von Ingwer als ‘Stücke‘ oder ‘Wurzelstücke‘ zu verstehen.
Andere mögliche Lesart:
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Stand dieser Fassung: 30.08.2026 - 2-mal überarbeitet. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.