Wo Mittelalter stattfyndet. Where medieval times happen.
Im Viewer öffnenIm Viewer öffnen ÜbersetzenTranslate DokumentDruckversion DokumentTEI-XML

Grüne Kräutersalse mit Reblaub und Berberitze

Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1) · Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee) · 1450

Gewürz / SauceGewürz / SauceLagerkücheLagerküche-tauglichLesartViel InterpretationsspielraumEinfachKorrekturBearbeitungsstand 9.3/10
Zubereitungszeit15 Min.Portionen4-6 PersonenBuchReichenauer Kochbuch (~1450)

Nimm Reblaub und die dicken jungen Triebe, Ampfer, Berberitzenlaub, Ysop, Petersilie und Salbei, alles zu gleichen Teilen. Hacke und stoße es und passiere es mit Pfefferbrot durch ein Tuch.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
reb lob Reblaub - Wochenmarkt, Weinberg (ungespritzt) -
die faistn zwilin Dicke junge Triebe - - -
ampferan Ampfer - Wochenmarkt, Wildsammlung -
erbsere lob Berberislaub (Laub der Berberitze) - Wildsammlung, Kräutergärtnerei Nur die Berberitzen-Beeren sind essbar - das Laub enthält Berberin; modern mehr Sauerampfer oder ein paar Berberitzen-Beeren / etwas Verjus für die saure Note
ysope Ysop - Kräutergärtnerei -
peterlin Petersilie - - -
salbinen Salbei - - -
pfeffer brot Pfefferbrot - ein gewürztes Brot, das die Sauce bindet - - Gewürzter Lebkuchen oder altbackenes Roggenbrot

Welches Gericht ist das? Die letzte und kräuterreichste Sauce des Salse-Blocks: eine grüne Kräutersalse aus sieben Frühlingsgrün-Sorten zu gleichen Teilen - ein üppiger Vorfahr der grünen Sauce / Salsa verde.

Technik: Alle Kräuter fein hacken, im Mörser stoßen und zusammen mit Pfefferbrot durch ein Tuch passieren. Pfefferbrot ist ein gewürztes Brot, das hier als Binder dient (das klassische mittelalterliche Saucen-Bindemittel) - es gibt der Salse Körper und Würze in einem.

Aufkochen. Erst durch kurzes Aufkochen wird aus der gestoßenen, durchgezogenen Mischung eine Salse: Beim Erhitzen verkleistert die Stärke im Brot und bindet die Tunke. Kalt bliebe eine dünne, trübe Flüssigkeit. Der Text sagt das nicht eigens, es ist vorausgesetzt.

Praxis: Reblaub (junge Weinblätter), dicke junge Triebe, Ampfer, Berberitzenlaub (säuerliches Laub der Berberitze), Ysop, Petersilie und Salbei zu etwa gleichen Teilen fein hacken und mörsern, mit etwas eingeweichtem Pfefferbrot (ersatzweise gewürztem Lebkuchen oder altbackenem Roggenbrot) durch ein Sieb streichen und kurz aufkochen, bis die Salse bindet. Eine frische, herb-grüne Tunke zu Gebratenem. Gehört zum Salse-Block der Handschrift (ka1-085 bis ka1-089); eine Kräuter-Verwandte ist die Grüne Gewürzsauce aus dem Ménagier.

Was ist ‚Pfefferbrot'?

Ein gewürztes Brot, das im Mittelalter als Saucenbinder diente: Es wird mit den gestoßenen Kräutern durch ein Tuch passiert und gibt der Salse zugleich Bindung und Würze. Ersatzweise eignen sich gewürzter Lebkuchen oder altbackenes Roggenbrot.

Was ist ‚erbsere lob‘?

Berberitzenlaub - das säuerliche Laub der Berberitze (Sauerdorn). Ehlert löst die Münchner Form erbsal über Lexer als Berberis auf; es ist also kein Erbsenlaub, sondern bringt der grünen Salse eine feine Säure.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Ja, ein Goldstandard: hacken, mörsern, durchs Tuch streichen, kurz aufkochen. Die Kräuter holt man frisch vom Markt oder aus der Natur.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus dem Reichenauer Kochbuch (15. Jh., Südwestdeutschland - Reichenau/Bodensee). Rezeptteil (fol. 108r-120r) der Sammelhandschrift "Sermones", Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 - bei CoReMA/Ehlert als "Reichenauer Kochbuch" gefuehrt, Schwester-Handschrift zu den Muenchner Kochbuchhandschriften (Cgm 384/M2, vgl. Ehlert 1996). TEI-Text via CoReMA (CC BY 4.0), Faksimile Public Domain Mark 1.0 (BLB Karlsruhe).

Nim reb lob vnd die faistn zwilin vnd ampferan vnd erbsere lob ysope peterlin vnd salbinen glich fil vnd hacks vnd stoss vnd zuchs durch mit pfeffer brot
erbsere lob

Berberitzenlaub - erbsere (in der Münchner Parallelhandschrift erbsal) steht bei Ehlert (Glossar, mit Lexer 1,619) für die Berberitze (Berberis), nicht für Erbsenlaub. Gemeint ist das säuerliche Laub des Sauerdorns, das die grüne Salse mit feiner Säure würzt. ⚠️ Nach heutigem Kenntnisstand sind jedoch nur die Beeren der Berberitze unbedenklich; Blätter und übrige Pflanzenteile enthalten Berberin und eignen sich nicht zum Verzehr. Modern die saure Note über mehr Sauerampfer, ein paar Berberitzen-Beeren oder etwas Verjus geben.

ysope

Ysop, ein klassisches Küchen- und Heilkraut. Die Münchner Parallelhandschrift schreibt hier sepplin, das Ehlert als Diminutiv zu isop aufschlüsselt.

pfeffer brot

Pfefferbrot - ein gewürztes Brot (Gewürzbrot), das hier als Bindemittel dient: die gestoßenen Kräuter werden damit durch ein Tuch passiert. Brotbindung ist DAS mittelalterliche Saucen-Bindemittel.

glich fil

‚Gleich viel' - alle Kräuter zu gleichen Anteilen.

hacks vnd stoss vnd zuchs durch

Hacken, im Mörser stoßen und durch ein Tuch passieren; erst beim Aufkochen bindet das Brot die Salse.

faistn zwilin

Die Münchner Parallelhandschrift m384-006 schreibt hier ‚die lindest stengel' (die zartesten Stängel) - dieselbe Zutat (junge Triebe/Ranken), aber mit anderem Adjektiv (feist = dick/kräftig statt lind = zart).

Handschrift
Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125 (Ka1)
Folio
Fol. 118v
Sprache
Frühneuhochdeutsch (alemannisch, südwestdeutsch, 15. Jh.)
Entstehung
Südwestdeutschland (Reichenau/Bodensee), 1450
CoReMA-Handschrift

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

reb lobgrape leaf Q4820063
die faistn zwilingrapevine shoot tip Q107263045
ampferancommon sorrel Q26297
erbsere lobbarberry leaves Q158563
ysopehyssop Q137931
peterlinparsley Q25284
salbinencommon sage Q1111359
pfeffer brotgingerbread for sauce Q1468150

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

Lesarterbsere lob

Gewählte Lesart: Berberitzenlaub (Berberis). Ehlert schlüsselt die Münchner Form erbsal im Glossar über Lexer (1,619) und das Deutsche Wörterbuch (III,738) als Berberitze auf.

Andere mögliche Lesart:

  • Ein saures Wald-Grün, v.a. Wald-Sauerklee (Oxalis acetosella) oder eine saure Ampfer-Art. - Im oberdeutschen Raum wurde Saurach/erbsal wegen des identisch intensiv-sauren Geschmacks gelegentlich auf solche Sauer-Grüns übertragen - die zudem die Berberin-Toxizität des echten Berberitzen-Laubs vermeiden. Dagegen sprechen Lexer/DWB (erbsal = Berberis) und der in derselben Liste bereits separat genannte ampferan (Sauerampfer), der eine Ampfer-Doppelung unwahrscheinlich macht. Daher als ernsthafte, aber nachrangige Lesart geführt.

Lesartpfeffer brot

Gewählte Lesart: Pfefferbrot (ein Gewürzbrot), als Binder durchs Tuch passiert - ein Wort, nicht ‚Pfeffer und Brot'.

Andere mögliche Lesart:

  • ‚Pfeffer und Brot' als zwei getrennte Zutaten. - Lesbar, aber Pfefferbrot ist ein fester Begriff (Gewürzbrot als Saucenbinder) und steht in der Handschrift wie in den Parallelen als Einheit.

Originalwerk (~1450) gemeinfrei.

Bildquelle
Fol. 118v, Sermones - Cod. Aug. pap. 125. [Reichenau], [15. Jahrh.]. Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Cod. Aug. pap. 125, https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:31-64893 / Public Domain Mark 1.0
Transkription
CoReMA - Cooking Recipes of the Middle Ages (Uni Graz), Ka1 (Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Cod. Aug. pap. 125), CC BY 4.0 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/ka1-090
LagerkücheLagerküche · ⭐ Gold - vollständig lagerküchentauglich
Goldstandard fürs Lager: Kräuter hacken, mörsern, mit Pfefferbrot durch ein Tuch streichen und kurz aufkochen. alle Zutaten sind am Markt/in der Natur erhältlich.
Alle Rezepte aus Reichenauer Kochbuch Alle Kochbücher

Unsere Übersetzungen mittelalterlicher Rezepte können Fehler enthalten. Fällt dir etwas auf? Schreib uns an feedback@fyndling.de - wir korrigieren gerne und sind für jeden Hinweis dankbar.

Stand dieser Fassung: 28.09.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.