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Eingelegte Neunaugen in Malvasier-Pfefferkuchensauce

Ein new Kochbuch/ Das ist Ein gruͤndtliche beschreibung wie man recht vnd wol ... allerley Speiß ... auff Teutsche/ Vngerische/ Hispanische/ Jtalianische vnnd Frantzoͤsische weiß/ kochen vnd zubereiten solle · Frankfurt am Main · 1581

FischHauptspeise · FischLesartViel InterpretationsspielraumMittelKorrekturBearbeitungsstand 9/10
Zubereitungszeitca. 90 Min. KüchenzeitBuchEin new Kochbuch (~1581)

Nimm die Neunaugen und brühe sie ab. Wenn sie gebrüht sind, nimm guten Malvasier und fange das Blut der Neunaugen darin auf. Öffne sie am Bauch, nimm den Rogen heraus und wirf ihn weg.

Reibe Pfefferkuchen unter die Neunaugen, gib Bertramkraut dazu und lass damit einen kräftigen Sud aufkochen. Nimm sie heraus und säubere sie. Streiche die Pfeffersauce durch, schmecke sie mit Zimt, Nelken und Pfeffer ab und lass sie wieder sieden. Ist sie zu wenig süß, so mache sie noch süßer. Achte darauf, dass du sie nicht versalzt und nicht verkochst.

Wenn sie gar sind, so lege sie ein; so kannst du sie Jahr und Tag aufbewahren. Du kannst sie kalt essen oder wieder wärmen, dann sind sie gut und wohlschmeckend.

OriginalModernMengenangabeWo kaufenAlternative
Neunaugen Neunaugen - Im Handel selten; beim Fischhändler nachfragen. Ganze, frische Tiere, weil ihr Blut gebraucht wird. -
guten Maluasier guten Malvasierwein - Weinhandel süßer Weißwein
Schweiß Schweiß (Blut) von den Neunaugen - Fällt bei der Zubereitung an; im Malvasier auffangen -
Pfefferkuchen Pfefferkuchen, gerieben - Supermarkt Lebkuchen
Pertrumkraut Bertramkraut - Kräutergärtnerei (Pflanze) -
Zimet Zimt - - -
Neglein Nelken - - -
Pfeffer Pfeffer - - -
(erschlossen) so machs noch suͤsser - - -

Welches Gericht ist das? Neunaugen werden in Malvasier mit ihrem eigenen Blut, geriebenem Pfefferkuchen und Bertramkraut gesotten. Die Sauce, bei Rumpolt „Pfeffer“ genannt, wird durchgestrichen, mit Zimt, Nelken und Pfeffer nachgewürzt, bei Bedarf nachgesüßt und dient dann zugleich zum Einlegen. Innerhalb des Neunaugen-Kapitels ist es die Fassung ohne Safran, die auf Vorrat zielt. Fast dieselbe Folge beschreibt Rumpolt bei den Lampreten (rum-0931). Heute denkt man an die französische lamproie à la bordelaise, die ebenfalls mit dem Blut des Tiers gemacht wird.

Brühen und Blut. Die Neunaugen mit heißem Wasser überbrühen, wie im Nachbarrezept rum-1112 beschrieben. Der Text lässt das Blut erst nach dem Brühen auffangen und sagt nicht, wie es gewonnen wird. Praktisch läuft es beim Öffnen der frischen Tiere; dabei direkt in den Malvasier laufen lassen. Danach am Bauch aufschneiden und den Rogen verwerfen.

Der Sud. Geriebenen Pfefferkuchen und Bertramkraut zu den Neunaugen in den Wein mit dem Blut geben und kräftig aufsieden lassen. Der Pfefferkuchen gibt der Sauce Körper und schon etwas Süße und Würze.

Herausnehmen und Säubern. Die Neunaugen aus dem Sud nehmen und säubern, also anhaftende Krümel und Kräuter abstreifen. So lesen es die Lampreten-Parallelen (rum-0929, rum-0931), die an derselben Stelle die Stücke herausnehmen. Dann die Sauce passieren; heute nimmt man ein Sieb oder ein feines Tuch. Ein Gerät nennt der Text nicht.

Abschmecken und Süßen. Mit Zimt, Nelken und Pfeffer nachwürzen und wieder sieden lassen. Womit nachgesüßt wird, sagt Rumpolt nicht; heute etwas Zucker oder mehr geriebenen Pfefferkuchen nach Geschmack. Salz nennt er nur als Warnung: nicht versalzen und nicht verkochen.

Einlegen. Die Neunaugen wieder in die Sauce geben, gar ziehen lassen und mit der Sauce in ein Gefäß einlegen, etwa einen Steinguttopf oder ein Glas, und kühl stellen. Rumpolt nennt kein Gefäß.

Praxis. Mengen und Zeiten nennt der Text nicht. Die Zubereitungszeit von etwa 90 Minuten ist eine Schätzung, der Text gibt keine Zeit an. „Jahr und Tag“ ist Rumpolts Angabe; die Sauce ist eine süße Weinsauce ohne Essig, deshalb die eingelegten Neunaugen heute kühl lagern und bald essen. Gegessen werden sie kalt oder wieder aufgewärmt.

Wo bekomme ich Neunaugen?

Frische Neunaugen sind im Handel selten; am ehesten beim Fischhändler nachfragen. Für dieses Rezept braucht man ganze, frische Tiere, weil ihr Blut in die Sauce kommt.

Ist dieses Rezept für die Lagerküche / das Mittelaltermarkt-Lager geeignet?

Nein. Neunaugen (Lampreten) sind geschützt und deshalb nicht für die Lagerküche zu beschaffen; das Rezept bleibt dokumentarisch.

Was bedeutet „Schweiß“ in diesem Rezept?

Blut. Als Substantiv bedeutet „Schweiß“ hier wie in der Jägersprache das Blut des Tieres; Rumpolt gebraucht das Wort im ganzen Buch so. Hier wird es in Malvasier aufgefangen und geht in die Sauce.

Was ist mit „Pfeffer“ gemeint, wenn es heißt „streich den Pfeffer durch“?

Rumpolt nennt gebundene, kräftig gewürzte Saucen „Pfeffer“. Der Satz heißt: die Sauce passieren. Womit, sagt der Text nicht. Gleich danach nennt er Pfeffer noch einmal als Gewürz zum Abschmecken.

Halten sich die Neunaugen wirklich „Jahr und Tag“?

Das ist Rumpolts Angabe und eine formelhafte Wendung für eine lange Frist; er gebraucht sie auch bei geräucherten Würsten. Die Sauce ist eine süße Weinsauce ohne Essig. Heute die eingelegten Neunaugen kühl lagern und bald essen.

Wie unterscheidet sich das Rezept von den Nachbarrezepten?

Im Neunaugen-Kapitel brät rum-1113 die Neunaugen am Spieß und gießt eine Blutsauce mit Safran darunter, rum-1115 kocht sie in einer Blut-Pfefferkuchensauce mit Safran, und rum-1118 legt sie in Weinessig in ein Fässchen. Hier wird das Blut in Malvasier aufgefangen, Safran fehlt, und die Neunaugen werden in ihrer eigenen Sauce eingelegt.

Aus welcher Zeit und woher stammt dieses Rezept?

Dieses Rezept stammt aus „Ein new Kochbuch“. Kochbuch des kurfürstlich-mainzischen Mundkochs Marx Rumpolt, gedruckt 1581 in Frankfurt am Main: rund 1.300 durchnummerierte Rezepte in 91 Kapiteln, geordnet nach Tierarten und Zutaten, dazu Bankett- und Hofämter-Ordnungen für die fürstliche Tafel.

6. Nim̃ die Neunaugen, vnd bruͤ sie, wenn sie gebruͤet seyn, so nim̃ guten Maluasier, vnd fahe den Schweiß darein von den Neunaugen, thu sie auff dem Bauch auff, vnd thu den Rogen herauß, wirff jn hinweg, reib vnter die Neunaugen Pfefferkuchen, thu Pertrumkraut darvnter, vnd laß damit ein starcken Sudt auffthun, zeuchs auß vnd saͤubers, streich den Pfeffer durch, machs ab mit Zimet, Neglein vnd Pfeffer, laß wider sieden, vnd ists zu wenig suͤß, so machs noch suͤsser, vnd schaw versaltz vnd verseudt es nicht. Wenn sie gesotten, so schlag sie eyn, so kanstu sie jar vñ tag behalten, magsts kalt essen, oder wider waͤrmen, so seind sie gut vnd wolgeschmack.
Neunaugen

Aalähnliche, kieferlose Fische. Rumpolt widmet ihnen ein eigenes Kapitel mit acht Zubereitungen; die Lampreten führt er unter diesem Namen in einem anderen Kapitel.

Maluasier

Malvasier, ein süßer Wein, benannt nach dem griechischen Hafenort Monemvasia.

Schweiß

Blut. Als Substantiv bedeutet „Schweiß“ hier wie in der Jägersprache das Blut des Tieres; Rumpolt gebraucht das Wort im ganzen Buch so.

Pfefferkuchen

Gewürztes Honiggebäck, ähnlich dem Lebkuchen. Gerieben gibt es der Sauce Körper und Süße.

Pertrumkraut

Bertram, hier ausdrücklich als Kraut. Welche Pflanze gemeint ist, bleibt offen: Der Name galt für verschiedene Pflanzen, darunter die Bertram-Schafgarbe. Die scharfe Bertramwurzel (Anacyclus pyrethrum) ist eine Wurzeldroge, Rumpolt aber führt Bertram mehrfach als grünes Kraut.

streich den Pfeffer durch

„Pfeffer“ ist hier der Name der gebundenen, gewürzten Sauce, nicht das Gewürz; durchstreichen heißt passieren. Womit, sagt der Text nicht. Gleich danach nennt Rumpolt Pfeffer noch einmal als Gewürz zum Abschmecken.

machs ab

Abschmecken und fertig würzen.

schlag sie eyn

Einschlagen heißt hier einlegen, also zum Aufbewahren in ein Gefäß packen. Rumpolt gebraucht das Wort auch für Würste, die in Fässer eingeschlagen werden (rum-0313). Ein Gefäß nennt er hier nicht.

jar vñ tag behalten

Formelhafte Wendung für eine lange Frist, wörtlich „ein Jahr und einen Tag“. Rumpolt gebraucht sie auch bei geräucherten Würsten (rum-0313). Die Haltbarkeit ist seine Angabe.

Druck
Ein new Kochbuch/ Das ist Ein gruͤndtliche beschreibung wie man recht vnd wol ... allerley Speiß ... auff Teutsche/ Vngerische/ Hispanische/ Jtalianische vnnd Frantzoͤsische weiß/ kochen vnd zubereiten solle
Teil
Von Neunaugen
Sprache
Frühneuhochdeutsch (Frankfurter Druckersprache mit oberdeutscher Schreibung, südwestdeutsch/rhein-mainischer Küchenwortschatz, 1581)
Entstehung
Frankfurt am Main, 1581

Normdaten der Zutaten

Zuordnung der historischen Zutatennamen zu Wikidata-Konzepten, auf Grundlage des CoReMA-Zutatenindex. Mehrere Konzepte bedeuten: die Lesart ist nicht entschieden.

Neunaugenlamprey Q261485
guten Maluasiermalvasia Q1165349
Schweißblood Q494268
Zimetcinnamon Q28165
Negleinclove Q15622897
Pfefferpepper Q3143131

Lesarten

Mediävistische Texte sind oft mehrdeutig. Hier die Stellen, an denen wir uns für eine Lesart entscheiden mussten - mit den plausiblen Alternativen.

LesartPertrumkraut

Gewählte Lesart: Bertramkraut, also das Kraut einer Bertram-Pflanze. Der Druck sagt ausdrücklich Kraut; Rumpolt schreibt den Namen uneinheitlich (Pertram, Pertrum, Bertram). Die Art bleibt offen (FWB: Name verschiedener Pflanzen, darunter Bertram-Schafgarbe).

Andere mögliche Lesart:

  • Bertramwurzel (Anacyclus pyrethrum) - Eine Bedeutung von Bertram, aber eine Wurzeldroge; gegen sie spricht das ausdrückliche Kraut. Taugt heute nur als markierter, sehr sparsamer Ersatz.

LesartSchweiß

Gewählte Lesart: Blut. Das Substantiv Schweiß bezeichnet bei Rumpolt durchgehend das Blut des Tieres, das in Wein oder Essig aufgefangen wird (rum-0928, rum-0931, rum-1113, rum-1115).

Andere mögliche Lesart:

  • Schweiß im heutigen Sinn - Ergibt in der Küche keinen Sinn. Das Verb schweißen heißt bei Rumpolt dagegen anschwitzen; hier steht aber das Substantiv.

LesartPfeffer (in „streich den Pfeffer durch“)

Gewählte Lesart: Pfeffersauce: die mit Pfefferkuchen gebundene, gewürzte Sauce. Pfeffer als Name einer Sauce ist im FWB belegt, und Rumpolt gebraucht es im selben Sinn in den Parallelrezepten: „streich darnach den Pfeffer durch/ so wirt es fein glat“ (rum-0929), „geuß den Pfeffer darvnter“ (rum-1113).

Andere mögliche Lesart:

  • Das Gewürz Pfeffer - Durchstreichen setzt eine Sauce voraus; das Gewürz folgt erst im nächsten Schritt beim Abschmecken.

Lesartzeuchs auß vnd saͤubers

Gewählte Lesart: Die Neunaugen aus dem Sud nehmen und säubern. Zeuchs auß meint bei Rumpolt das Gargut, das aus der Brühe genommen wird (rum-1118: „zeuchs auß auff ein Bret“), und die Lampreten-Parallelen nehmen an derselben Stelle die Stücke heraus und säubern sie (rum-0929, rum-0931). Danach sind sie beim Einlegen wieder da.

Andere mögliche Lesart:

  • Den Sud abseihen und klären - Grammatisch möglich, weil es auch den Sud meinen kann; für säubern im Sinn von Klären gibt es aber keinen Beleg, und durchgestrichen wird der Sud erst im nächsten Satz.

Lesartstreich den Pfeffer durch (Gerät)

Gewählte Lesart: Der Text sagt nur durch und nennt kein Gerät. Die Übersetzung bleibt deshalb bei „durchstreichen“.

Andere mögliche Lesarten:

  • Durch ein härenes Tuch - So im Lampreten-Rezept rum-0928; hier nicht genannt.
  • Durch ein Sieb oder feines Tuch - Heutige Praxis, siehe Zubereitungshinweis.

Lesartmachs noch suͤsser

Gewählte Lesart: Nachsüßen, ohne dass ein Süßmittel genannt wird. Süße bringt bereits der Pfefferkuchen.

Andere mögliche Lesarten:

  • Mit Zucker - Das Lampreten-Rezept rum-0931 sagt an derselben Stelle „mit Zucker“, rum-1113 nennt Zucker ebenfalls; hier steht er nicht.
  • Mit mehr Pfefferkuchen oder Honig - Möglich, im Text nicht genannt; heute nach Geschmack.

Lesartschlag sie eyn

Gewählte Lesart: Einlegen: die gegarten Neunaugen mit ihrer Sauce zum Aufbewahren in ein Gefäß packen. Ein Gefäß nennt der Text nicht.

Andere mögliche Lesarten:

  • In ein Fässchen einschlagen - So bewahrt Rumpolt die Lampreten in rum-0931 und die Neunaugen in Essig in rum-1118 auf, und Würste werden „in Fesser“ eingeschlagen (rum-0313). Hier fehlt das Fass.
  • Steinguttopf oder Glas, kühl gestellt - Heutige Praxis, siehe Zubereitungshinweis.

Lesartjar vñ tag behalten

Gewählte Lesart: Formelhafte Wendung für eine lange Frist. Rumpolt gebraucht dieselbe Formel bei geräucherten Würsten (rum-0313); für die Neunaugen in Essig nennt er „ein halb jar oder lenger“ (rum-1118).

Andere mögliche Lesart:

  • Wörtlich ein Jahr und ein Tag - Nicht auszuschließen; eine Begründung gibt der Text nicht. Für heute ist die Angabe kein Maßstab, die Sauce ist ohne Essig.

Originalwerk (~1581) gemeinfrei.

Bildquelle
Bl. CXXa, Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, PPN824825497 Quelle öffnen
Transkription
Deutsches Textarchiv (DTA), Transkription Justus-Liebig-Universität Gießen 2013 Link öffnen
Übersetzung & Anmerkungen
CC BY-SA 4.0 fyndling.de
Permalink
https://w3id.org/fyndling/rum-1117
LagerkücheLagerküche
Nein: Neunaugen (Lampreten) sind geschützt und deshalb nicht für die Lagerküche zu beschaffen. Das Rezept bleibt dokumentarisch.
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Stand dieser Fassung: 13.10.2026. Wir überarbeiten die Übersetzungen laufend; beim Zitieren bitte das Datum mit angeben.